Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie

Aus Bookpedia

Wechseln zu: Navigation, Suche
Daten zum Buch
Deutscher Titel: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie
Autor(en): Niko Paech
Herausgeber:
Erscheinungsort:
Verlag: oekom
Serie:
Erscheinungsjahr: 2012
Seitenanzahl: 155 Seiten
Originaltitel: {{{OT}}}
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3865811817
ISBN-13/

EAN-Code:

978-3865811813
Schlagwörter: Nachhaltigkeit, Postwachstumsökonomie
Sachgebiete: Volkswirtschaft
Rezensionen
  • momentan liegen keine Rezensionen vor

Der Autor Niko Paech, außerordentlicher Professor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt der Universität Oldenburg sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac, versucht in seinem Buch Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie einen Ausweg aus dem seiner Meinung nach vorgezeichneten Weg der heutigen, krisenhaft auf Wachstum ausgerichteten Gesellschaft aufzuzeigen. Dabei glaubt Paech, dass weder die derzeit vorherrschende kapitalistischen Produktionsweisen eine Zukunft haben, noch die grünen Technologien (3-Liter-Auto, Niedrigenergiehäuser, Energiewende) einen Ausweg aus der derzeit vorherrschenden Misere aufzeigen, weil auch diese Technologien am Ende des Tages nur ein mehr an Konsumption zum Ziel haben. Unsere derzeitige ökonomische Organisation von Gesellschaft ist aus Paechs Sicht eine an seine Grenze gelangte Entgrenzung in Bezug auf Raum, Zeit und den eigenen Körper.

Paech glaubt dabei, dass unsere heutige Gesellschaft bereits über ihre Verhältnisse lebt (13 ff.) und unser Konsum ein Raubbau an der Natur sei und weder "Neoliberale" noch "Marxisten" ein Recht auf die Verteilung dieser "Beute" hätten (38). Der Autor sieht uns als Sklaven einer "Bequemokratie" (39) und der Energie, ohne die wir nicht mehr leben könnten. Wir seien zu "Energiesklaven" (40) geworden. Unser Verdienst und unser Konsum stünde nicht mehr im Verhältnis zu unserer materiellen Leistung, die bei Managern nur noch in "purer Anwesenheit in Gesprächs- und Entscheidungssitationen" bestünde. (48)

Paech glaubt, dass nur ein Rückschritt der Menschheit zu einer neuen Sesshaftigkeit und einer handwerklichen, d.h. auf das menschliche Maß beschränkten "konvivale Technologie" (59) (z.B. Fahrräder, mechanische Nähmaschinen, Angelruten, manuelle Rasenmäher usw. usf.) den fehlgeleiteten Fortschritt wieder in die richtigen Bahnen leiten könne. Paech glaubt, dass unsere einzige Zukunft in einer Postwachstumsökonomie liege, in der wir wieder mehr manuelle Tätigkeiten verrichten. Dass dieser Schritt unausweichlich ist und nur die Frage bestehe, ob dieser Zustand "by desaster" oder "by design" (143) eintrete, ist für Paech selbstverständlich, weil wir nicht nur im Zeitalter des Peak Oils leben würden, sondern schlicht im Zeitalter des "Peak Everything". (69)

Letztlich ist dieser von Paech favorisierte "Rückbau des Maßlos gewordenen Fremdversorgungsniveaus die letzte Option, die uns noch bleibt." (70). Paech versteht konkret unter einer Postwachstumsökonomie, dass Menschen auf eine "entmonetarisierte Lokalversorgung" zurückgreifen sollen und "regionalökonomische Systeme auf Basis zinsloser Komplementärwährungen" einführen sollten. Paech möchte unsere Gesellschaft jedoch nicht ins Mittelalter zurückkatapultieren und sieht "Leistungen aus globaler Arbeitsteilung" als eine mögliche Ergänzung an. (119) Paech stellt sich das in einem Schaubild (151) so vor, dass der Mensch stärker regional verankert ist und nur 20 Stunden einer 40 Stunden Woche für eine globale Tätigkeit aufwenden muss, den Rest seiner Zeit aber mit Subsistenzarbeiten beschäftigt ist.

Bewertung

Paechs zentrale Beobachtung, dass wir in einer unfreien Welt leben, in der wir von einem Wirtschaftsystem versklavt werden, das ausschließlich auf Wachstum fußt und uns zu Energiesklaven macht, ist kaum von der Hand zu weisen. In der Tat ist es mehr als skuril, dass wir den ganzen Tag möglichst lange arbeiten gehen, damit wir das Auto finanzieren können, mit dem wir schneller zu Arbeit kommen. Und weil wir am Ende des Tages dann zu wenig Bewegung haben, spannen wir uns auch noch in automatische Fitnessgeräte ein, für die wir wiederum Geld aufwenden müssen. Paechs Analyse und Kritik der kapitalisitischen Wachstumsökonomie greift dennoch auf zwei Ebenen zu kurz.

Zum einen unterschätzt Paech wie viele Wachtstumskritiker vor ihm die Anpassungsfähigkeit der kapitalistischen Produktionsweise. Paech spricht vom Peak Oil und sieht nicht, dass neue Technologien die alten um ein vielfaches effizienter machen und zwar so, dass Sie aus den begrenzt vorhandenen Ressourcen einfach ein mehr an Energie extrahieren können. Die Ressourcen sind praktisch unbegrenzt und immer dann, wenn man glaubt, das Ende sei nah, erfindet der Mensch eine Technologie, die die alte ablöst und um ein Vielfaches übersteigt. Paech wird den Zusammenbruch dieser Art von Produktionsweise "by desaster" nicht erleben.

Zum anderen ist die Postwachstumsökonomie auch nicht "by design" umsetzbar. Das liegt daran, dass diese Form der Produktionsweise Verlierer durch Verzicht produziert. Denn wer aktiv verzichtet, sieht am Ende seinen Nachbarn mit umso größeren Ressourcen zum Verschleudern ausgestattet.

Es gibt nur drei mögliche Wege, wie es dennoch zu einer Postwachstumsökonomie kommen könnte. Der erste Weg ist der religiöse Weg. Die Amish-People in Amerika, die in einer Welt des 18. Jahrhunderts leben, können das nur tun, weil ihnen darin ein höherer Sinn liegt und dieser höhere Sinn sie den Verzicht ertragen lässt. Auch manche islamische Sekten wie die Taliban in Afghanistan sehen in dem Verzicht auf westliche Werte einen höheren, religiösen Sinn. Der Verzicht ist ihnen zum eigentlichen Wesen ihrer Religion geworden. Der zweite Weg, der freilich mit dem ersten kombiniert werden kann, ist der Weg des Kampfes mit Waffengewalt. Eine überzeugte und geschlossene Elite könnte analog den marxistischen Bewegungen versuchen, ihre Überzeugung mit Waffengewalt durchzusetzen. Der dritte und schwächste Weg ist der Weg über eine Kultur der aufklärerischen Überzeugung. Ansätze sieht man z.B. dort, wo der Nachbar mit dem SUV nicht beneidet, sondern eher angefeindet wird. Solche Tendenzen sieht man jedoch nur in besonders neubürgerlichen Vierteln wie in Berlins Prenzlauer-Berg. Sie ist ohne einen Weg 2 kaum denkbar oder auf größere Teile der Bevölkerung übertragbar.

Das Buch Paechs ist trotz der falschen Analyse ein wichtiges Buch und kann als intellektuelle Lebenshilfeliteratur betrachtet werden. Denn wer sich über die Abhängigkeiten des modernen Lebens Gedanken macht, kommt tatsächlich auf die von Paech aufgezeigten Kuriositäten und kann ganz bewusst sich von einem Teil seines Überflusses befreien und diese freie Zeit in seine Selbstverwirklichung investieren. Das ist jedoch nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung leb- und anwendbar, weil ein großer Teil der Bevölkerung in den Wachstumsökonomien im Hamsterrad der Matrix fest verankert ist. Die Befreiuung vom Überfluss ist ein Akt der intellektuellen Selbstbefreiung und nicht ein Akt der Änderung von Ökonomien.

Denis Diderot 20:26, 3. Mär 2013 (CET)

Persönliche Werkzeuge