Biografie zu Eduard Meyer (1855 – 1930)

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Dieser Artikel war von 1999 bis 2007 auf dem Geschichtsserver
der Humboldt-Universität zu Berlin unter folgender URL
http://www.geschichte.hu-berlin.de/ifg/galerie/texte/emeyer/emeyer.htm 
veröffentlicht.

Eduard Meyer (1855 – 1930) lehrte von 1902 bis 1923 Alte Geschichte an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin. Als Rektor der Universität machte er sich vor allem in den politisch und wirtschaftlich schwierigen Jahren 1919/20 u.a. durch die Schaffung der "Studentenhilfe Berlin" verdient. Als Historiker mit universalhistorischem Ansatz legte er eine 5-bändige Geschichte des Altertums (GdA) vor, die einen Bogen zwischen Orient und Okzident versucht zu schlagen.

Meyer wurde 1855 als Sohn von Henriette (1836 – 1905) und Dr. Eduard Meyer (1804 – 1884) in Hamburg geboren. Schon früh erlernte er, nicht zuletzt durch seinen Vater, der selbst Altphilologe und Lehrer am Johanneum war, die alten Sprachen Lateinisch und Griechisch. Meyer wuchs in einem liberalen hanseatischen Umfeld auf und wurde seinen Fähigkeiten entsprechend auf der Gelehrtenschule des Johanneum unterrichtet. Hier konnte er nicht nur die für seinen wissenschaftlichen Werdegang so eminent wichtigen ersten Eindrücke des Hebräischen und Arabischen erhalten, sondern fand darüber hinaus in dem Thukydidesforscher und Schüler Niebuhrs Johannes Classen, der dem Johanneum als Rektor vorstand, einen geeigneten Mentor und Förderer.

Dank eines Stipendiums, das ihm aufgrund seiner überragenden schulischen Leistungen gewährt wurde, konnte er nach Erlangung des Abiturs bereits 1872 ein Studium der Geschichte in Bonn aufnehmen, einer der Wirkungsstätten Niebuhrs und der Studienort seines Mentors Classen. Doch bereits ein Semester später verließ Meyer Bonn, um sich ganz den orientalischen Sprachen in Leipzig zu widmen, die er für seinen Plan, eine universalhistorische Geschichte des Altertums zu schreiben, benötigte. Er studierte in Leipzig Arabisch, Persisch, Türkisch, Syrisch, Sanskrit, Ägyptisch, Geschichte, Philosophie und Völkerkunde, um schließlich 1875 mit der Arbeit "Gott Set-Typhon, eine religionsgeschichtliche Studie" zu promovieren.

Nach einer zweijährigen Anstellung als Privatlehrer für die Kinder des englischen Generalkonsuls Sir Philip Francis in Konstantinopel, währenddessen er den Orient kennen lernen konnte, und nach der Ableistung des Militärdienstes in Hamburg habilitierte sich Meyer 1879 mit seiner bereits im Johanneum begonnenen Arbeit über die "Geschichte des Königreichs Pontos". Es folgten fünf für ihn sehr lehrreiche und von ihm selbst als lebendig bezeichnete Jahre als Privatdozent in Leipzig – dem damaligen Zentrum der Orientalistik, bis Meyer schließlich 1885 das Ordinariat in Breslau für Alte Geschichte besetzen konnte. Er folgte 1885 dem Ruf nach Halle sowie 1902 nach Berlin, wo er bis zu seinem Tod 1930 blieb.

Meyers Berühmtheit gründet sich vor allem auf seinen universalhistorischen Ansatz, der zwar im Lichte des aufklärerischen Universalismus und in der Tradition Niebuhrs nicht neu war, aber doch wieder das versuchte zu einen, was durch Spezialisierung in den einzelnen altphilologischen und althistorischen Disziplinen auseinandergerückt war: die römische, griechische und orientalische Geschichte. Der durch Theodor Mommsen vorangebrachten Fixierung des Altertums auf die römische Geschichte setzte Eduard Meyer den Blick auf die vielfältigen Wechselwirkungen von Orient und Okzident entgegen. Zudem lieferte er mit einer theoretischen Begründung des Faches Geschichte und einer Anthropologie der menschlichen Entwicklung eine für die Zeit beachtliche Grundlegung des Faches selbst.

Auch wenn Meyers anthropologische Grundlegung heute eher verblasst ist und seiner sehr regen Publikationstätigkeit nicht der Stellenwert eingeräumt wird, den sie verdiente, so ist doch der Einfluss Meyers auf seine Zeit gar nicht genug zu würdigen. Vor allem seine quellenkritische Auseinandersetzung mit dem Stoff stellte einen qualitativen Sprung in der Geschichtsschreibung des Altertums dar und seine 500 Titel zählende Bibliographie, die in den 40er Jahren von seinem Schüler Marohl zusammengestellt wurde, ist ein beredtes Zeugnis seiner wissenschaftlichen Leistung. In einem Nachruf Victor Ehrenbergs, der - selbst Althistoriker - in regem Kontakt mit Meyer gestanden hatte, wurde Eduard Meyer als der vielleicht letzte Universalhistoriker gewürdigt; die unüberschaubare Zunahme der verfügbaren Quellen gerade für den Bereich des Orients bewirkte nicht zuletzt, dass Meyers Geschichte des Altertums letztlich ein Torso geblieben ist.

Eduard Meyer hat das wissenschaftliche Leben seiner Zeit stark beeinflusst, was sich in regen theoretischen Auseinandersetzungen niederschlug, von denen heute vor allem noch die als Bücher-Meyer Kontroverse um die "Moderne" des griechischen Altertums bekannt ist. Meyers Arbeit über die griechische Wirtschaft richtete sich gegen die von Karl Bücher entworfene Oikentheorie, die in der griechischen Antike drei idealtypische Stufen erkannte. Meyer kritisierte die Beurteilung der antiken Wirtschaft als primitivistisch und meinte, die Antike gar nicht genügend modern beurteilen zu können, wobei er Begriffe wie Fabrik, Großindustrie oder Kapitalisten nicht scheute.

Eine für Eduard Meyers Leben kritische Phase begann mit dem Ersten Weltkrieg. Meyer zog eine Parallele zwischen dem modernen Deutschland und dem antiken Rom, das seiner Überzeugung nach durch den siegreichen Kampf über Hannibal und der Ausweitung des Machtbereiches auch über die "nationalen" Grenzen hinaus seine Integrität und bodenständige Identität verloren hätte. Es schien für ihn geboten, dem gleichermaßen in seinem Bestand gefährdeten Deutschen Kaiserreich politisch und publizistisch zur Hilfe zu kommen. In seinen beiden polemischen Büchern über England und Amerika, die er während des Krieges schrieb, griff er diese beiden Staaten vehement an und scheute sich nicht, seine Thesen und Theorien auch in zahlreichen Vorträgen zu vertreten, unter anderem ab 1917 zusammen mit Werner Sombart, Ernst Troeltsch, Friedrich Meinecke und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff im "Vaterländischen Unterricht" bei den deutschen Streitkräften.

Meyers rücksichtslose und weitgehende Annexions- und Kriegszielforderungen, die er als Mitglied in zahlreichen Gesellschaften versuchte zu forcieren (Deutsch - Irische, Deutsch - Vlämische, Deutsch - Persische und Deutsch - Baltische Gesellschaft) und sein agitatorisches Eintreten für den uneingeschränkten U-Boot Krieg erscheinen dabei aus heutiger Sicht fragwürdig. Diese Haltungen, die auf der Grundlage einer zweifelhaften Parallelisierung von Antike und Moderne beruhten, bilden nicht zuletzt auch das Thema des mittlerweile erschienenen Briefwechsels zwischen ihm und Victor Ehrenberg, der, bis 1914 sein Student, von der Front aus mit ihm korrespondierte.

Auf die Auslieferungsforderung für Kriegsgefangene, so wie es der Versailler Vertrag vorsah, überreagierte Meyer sogar mit der Niederlegung seiner Ehrendoktordiplome aus Oxford, Liverpool, St. Andrews, Chicago und Harvard und im Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920, der in die Zeit seines Rektorats 1919/20 fiel, ergriff Meyer Partei für die Putschisten. Meyer, der Kapp bereits aus seiner Mitgliedschaft in der Deutschen Vaterlandspartei persönlich kannte, folgte dem Willen des Putschisten Kapp, in dem er dessen Anordnung, die Universitäten zu schließen, an die Professoren weitergab und darüber hinaus die Einrichtung eines Werbebüros an der Universität zuließ.

Trotz dieser Vorbehalte gegenüber Meyers politischen Ansichten, die er zweifelsohne mit vielen anderen deutschen Intellektuellen während des Ersten Weltkriegs teilte, ist Meyers Einsatz für die Wissenschaft nach dem Ersten Weltkrieg herauszustreichen. Dazu zählt neben der Einrichtung der "Studentenhilfe Berlin" und seinem Engagement in der "Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft" ganz sicher auch sein bewusst gewählter Verzicht auf politische Aktivitäten nach Beendigung des Weltkrieges. Gleichwohl weder für die Sozialdemokratie noch für die Revolution eintretend, ermöglichte er so eine zumindest in Teilen stattfindende Versöhnung von konservativer Professorenschaft und der jungen Republik.

Um das wissenschaftliche Werk Eduard Meyers wieder verstärkt in den Mittelpunkt der Diskussion zu rücken, fand 1987 ein internationaler Kongress zu Leben und Werk des Universalhistorikers statt. Seinem 60. Todesjahr war darüber hinaus 1990 ein Kolloquium an der Humboldt-Universität zu Berlin gewidmet, das eine vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit seinem Wirken und Schaffen bewirken sollte.

Letzter Wohnort Eduard Meyers war die Mommsenstraße 7/8 in Berlin, Bezirk Lichterfelde.

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