Das grüne Gewissen. Wenn die Natur zur Ersatzreligion wird

Aus Bookpedia

Wechseln zu: Navigation, Suche
Daten zum Buch
Deutscher Titel: Das grüne Gewissen. Wenn die Natur zur Ersatzreligion wird
Autor(en): Andreas Möller
Herausgeber:
Erscheinungsort:
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Serie:
Erscheinungsjahr: 2013
Seitenanzahl: 264 Seiten
Originaltitel: '
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3446432248
ISBN-13/

EAN-Code:

978-3446432246
Schlagwörter: Grüne, Ökologie, Biedermeier
Sachgebiete: Ökologie
Rezensionen
  • momentan liegen keine Rezensionen vor

Andreas Möller, der über die Wissenschafts- und Technikkritik der Weimarer Republik promoviert hat, setzt sich in seinem Buch Das grüne Gewissen. Wenn die Natur zur Ersatzreligion wird mit der zuletzt wieder zunehmenden Technologiefeindschaft und -kritik in Deutschland auseinander, die 2007 nach einem Artikel des Journalisten Henning Sußebach in der ZEIT treffend mit dem Schlagwort des "Bionade-Biedermeier" im Prenzlauer Berg (156) charakterisiert worden ist und sich heute u.a. darin niederschlägt, dass selbst in Discountern immer mehr BIO-Siegel zu finden sind und die Schar der Impfgegner immer größer wird.

Möller weist zunächst auf die lange Tradition der Technikkritik in Deutschland hin, die in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts durch rechtsintellektuelle Denker wie Oswald Spengler getragen wurde. Der damalige Topos hob immer die Unfreiheit hervor, in die uns eine Technologisierung der Gesellschaft bringen würde. Demgegenüber stand schon immer eine "Aufwertung des Ländlichen und der Provinz" (S. 52 ff.). Die Technikkritik der 60er-Jahre war demgegenüber bis zur Waldsterbensdebatte der 80er Jahre eher links geprägt, wobei Möller einen grundsätzlichen Bezugspunkt dieses Denkens in der "Entdeckung der Ganzheit" durch das Zeitalter Goethes sieht. (42) Dieses Denken, so Möller, habe den Grundgedanken hervorgebracht, nach dem einer immer komplexer werdenden Welt etwas Ursprüngliches und Ganzes entgegengesetzt werden müsse, was Viele in der Natur sahen.

Möller glaubt jedoch, dass mit dieser Sehnsucht nach der guten und richtigen Natur, die häufig eine Verklärung beinhaltet, weniger die Natur an sich gemeint ist als vielmehr die gesellschaftlichen Prozesse, die unser Leben beeinflussen. (232) Denn die Natur kennt gar keine guten und schlechten Kategorien, sie wendet sich sogar nicht selten gegen den Menschen selbst und wer in der Natur das schlechthin Gute zu sehen glaubt, verkennt den Segen unserer Kultur, die durch Impfungen z.B. die vergleichsweise hohe Sterblichkeitsrate bei Masern vermeiden hilft. Möller weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass die Kindersterblichkeit in Deutschland im 19. Jahrhundert im Vergleich zu heute sehr hoch war. Im Jahr 1900 starben in Deutschland noch 400.000 Kinder, bevor sie das 1. Lebensjahr erreichten, das Landleben war von schlechter Ernährung und schlechter medizinischer Versorgung geprägt.

Auf einen ähnlichen Umstand weist Möller auch bei der von der Bio-Bewegung verhassten konventionellen Landwirtschaft hin. Während um 1900 ein Bauer lediglich vier Menschen ernährte, ernährt ein Bauer heute 130 Menschen. Alles dies lässt Möller zu dem Schluss kommen, dass wir die Natur aus unserer verständlichen Sehnsucht nicht an sich vergöttern sollten und in ihr das alleinige Heil suchen sollten, sondern dass wir die Dialektik der Natur anerkennen müssen. Aus Möllers Sicht kann erst durch die Kultur des Menschen eine gute und schöne Natur entstehen. (224)

Bewertung: Möllers Buch ist vor allem wegen seines historischen Ansatzes ein großer Mehrwert in den aktuellen ölologischen Debatten, da technologiekritisches Denken vor allem in Deutschland eine lange Tradition hat und häufig politischer ist als so manchem Mitläufer der neuen Biedermeierlichkeit bekannt sein dürfte. Auch transportiert Möller interessante Einsichten, die sich aus dieser Tradition ergeben, z.B. warum anders als in Frankreich große Technologieunternehmen in Deutschland eher staatsfern sind. Oder seine Analyse der notgedrungenen Innerlichkeit in der Kultur der DDR, aus der Möller selbst stammt. Allerdings wirken einige Kapitel obsolet und als Füllmaterial, damit das Buch voll geworden ist. Auch doppeln sich viele Ideen und Ansätze; lohnend wäre es vermutlich, Möllers Dissertation zu lesen.

Denis Diderot 15:50, 27. Okt 2013 (CET)

Persönliche Werkzeuge