Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen
Autor(en): Jan Assmann
Herausgeber:
Erscheinungsort: München
Verlag: Beck
Serie: becksche Reihe
Erscheinungsjahr: 1999
Seitenanzahl: 344 Seiten
Originaltitel: -
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3406421075
ISBN-13/

EAN-Code:

978-3406421075
Schlagwörter: Geschichte, Anthropologie, Frühe Hochkulturen
Sachgebiete: Geschichte, Anthropologie
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Der Ägyptologe Jan Assmann geht in seiner Untersuchung zum kulturellen Gedächtnis der Frage nach, wie sich Gesellschaften erinnern (18) und welche Auswirkung dabei der Schrift als Erinnerungsmedium zuzuschreiben ist, wobei Assmann betont, die mediengeschichtliche Interpretation nicht in den Vordergrund stellen zu wollen, sondern Assmann möchte die geistesgeschichtlichen Ursachen kulturellen Erinnerns erforschen. Für ihn ist das Erinnern nicht die Anwendung einer Technik, sondern ein soziales Phänomen, wobei er sich auf den theoretischen Ansatz Maurice Halbwachs zur sozialen Konstruktion der Vergangenheit stützt. (34 ff)

Das Buch ist in einen theoretischen und einen praktischen Teil mit Fallstudien zu Ägypten, Israel und Griechenland gegliedert. Bereits im theoretischen Teil betont Assmann den grundsätzlichen Unterschied zwischen den Schriftkulturen Israel und Griechenland (und den darauf aufbauenden abendländischen und auch nahöstlichen Zivilisationen) und der Ritenkultur der Ägypter, in der keine Kanonisierung der Schrift stattgefunden hat. In der hebräischen Bibel und der aus ihr abgeleiteten christlichen Bibel und dem darauf aufbauenden Koran sieht Assmann einen "stillgelegte(n) tausendjährigen Traditionsstrom" (92), der eine Kultur der Auslegung der einmal festgestellten Wahrheit entstehen ließ. Alle Erinnerung in Folge der Kanonisierungen ist immer nur eine Interpretation dieses Urtextes. Die Deutung wird nach Ansicht Assmanns so zum "Gestus der Erinnerung" (96).

Durch die Schrift sieht Assmann in Bezug auf das Erinnern einen hohen Innovationsdruck entstehen, da mündliches Erinnern Wiederholung bedeutet, der Autor innerhalb der Schriftlichkeit aber zur Neuerschaffung von Texten genötigt sei. (98) Assmann erkennt grundsätzlich drei Verhaltensweisen gegenüber der bestehenden Schrift: 1. den Kommentar, 2. die Immitation und 3. die Kritik (102).

Der 2. Teil von Assmanns Untersuchung behandelt in den Fallstudien vor allem die Frage, warum sich die Tradition Babyloniens und Ägyptens nicht erhalten hat, während die Israels und Griechenlands in den verschiedensten Ausprägungen bis heute prägend wirken. Assmann konstatiert diesbezüglich, dass die Schrift in Ägypten "nur" der politischen Kommunikation diente, die kulturelle Erinnerung jedoch hauptsächlich durch die Architektur realisiert wurde, die bis heute Bestand hat.

Die Grundlagen der Kanonisierung einer wahrheitsstiftenden Schrift im Judentum sieht Assmann vor allem durch das babylonische Exil des Volkes begründet. In dieser Notlage und fern der etablierten Erinnerungsmöglichkeiten musste eine "kulturelle Memnotechnik" (227) den Zusammenhalt des Judentums bewahren. In dieser Hoffnung auf das gelobte Land als Verheißung erkennt Assmann das Grundmotiv religiös motivierter Erinnerungstechnik.

Im Gegensatz dazu sieht er die griechische Kanonbildung von Homer bis Euripides zwar ebenfalls schriftzentriert, aber nicht religiös motiviert, sondern geradezu als "öffentliche Erinnerung", deren Teilhabe keiner besonderen Bevollmächtigung bedarf (Cicero, S. 267). Assmann weist in diesem Zusammenhang besonders darauf hin, dass die Leistung der Griechen noch vor den Inhalten, die sie schufen, darin zu sehen ist, dass sie das bis dahin leistungsfähigste Schriftsystem erschufen, wobei er der Havelockschen These, dass dieses Schriftsystem als technische Revolution als einzige Erklärung für diese kulturell einmalig prägende Zeit anzusehen ist, widerspricht. (261) Für Assmann sind die geistegschichtlichen Ursachen dieser Entwicklung mindestens genauso wichtig.

Abschließend konstatiert Assmann, dass die Ägypter den Staat, das Judentum die Religion und die Griechen die Philosophie und die Wissenschaft als spezifische Erinnerungsformen schufen (280). Dabei sei noch auf seine Kritik an Jaspers Begriff der Achsenzeit hingewiesen, die in diesem Zusammenhang die Analyse auf den Punkt bringt. Jaspers hatte an die fast gleichzeitige Entstehung einer geistigen Welt überall auf der Welt von China (Konfuizis und Laotse), Indien (Buddha), Iran (Zarathustra), Palästina (Propheten Elias, Jesaia und Jeremias) und dem Griechentum (Homer, Parmenides, Heraklit, Plato, Thykidides und Archimedes) erinnert und dies als überweltliche Fügung verstanden. Assmann jedoch sieht in dieser Achsenzeit nichts anderes als den Übergang der rituellen Erinnerung zu einer textuellen Erinnerung, die mal früher, mal später wirksam wurde (291).

Denis Diderot 11:38, 15. Jun 2008 (CEST)

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