Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte

Aus Bookpedia

Wechseln zu: Navigation, Suche
Daten zum Buch
Deutscher Titel: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte
Autor(en): Philipp Felsch
Herausgeber:
Erscheinungsort: Reinbeck bei Hamburg
Verlag: C.H.Beck
Serie:
Erscheinungsjahr: 2015
Seitenanzahl: 326 Seiten
Originaltitel: -
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3406668534
ISBN-13/

EAN-Code:

978-3406668531
Schlagwörter: Theorie, Peter Gente, Heide Paris, 68er, 70er, Philosophie, Merve-Verlag
Sachgebiete: Sachbuch
Rezensionen

https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23963

Der Historiker und Kulturwissenschaftler Philipp Felsch (1972 in Göttingen geboren) beschreibt in seinem Buch Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte den Aufstieg der Texttheorie der 70er-Jahre zur vorherrschenden intellektuellen Diskursform. Dabei geht er insbesondere auf den Merve-Verlag ("Reclam der Postmoderne", 14) und seine Gründer und Herausgeber Peter Gente (1936–2014) und Heidi Paris (1950-2002) ein. Damit entsteht nicht nur eine Kulturgeschichte der Theorie und des Lesens, sondern auch ein Stück Ideengeschichte der Linken in der Bundesrepublik Deutschland der 60er und vor allem 70er-Jahre, in der die Theorie einen bedeutenden Platz im öffentlichen Diskurs hatte. Felsch zitiert hier z.B. die Selbsteinschätzung Peter Gentes als "Enzyklopädist des Aufruhrs" (51).

Zunächst beschreibt Felsch die Geburt des Merve-Verlags aus den Interessen Peter Gentes heraus, der zwar Philosophie, Germanistik und Soziologie studierte und täglich bis zu 10 Stunden am Schreibtisch las (32), aber eher kein Talent zum Schreiben hatte, dafür jedoch veröffentlichen wollte. (53) Zugute kam ihm bei seinem Ansinnen ein allgemein gestiegenes Interesse an der Theorie, das sich öffentlichkeitswirksam auch über die sogenannte Suhrkamp-Kultur und die Frankfurter Schule spätestens ab 1965 verbreitete. Peter Gente gründete schließlich 1970 seinen Verlag in West-Berlin, das aufgrund der niedrigen Mieten, der vielen Freiräume und der vorhandenen politischen Subkultur das richtige Pflaster dafür war (64). Wichtig war ihm dabei, sich vom bürgerlichen Verlagswesen nicht nur optisch abzuheben, sondern auch der Umgang mit dem "bürgerlichen Copyright" wurde von ihm großzügig gehandhabt. (74 ff.)

Wurden in der Anfangsphase noch eher neomarxistische Philosophen bei Merve vor allem aus dem italienischen und operaistischen Umfeld (Lucio Colletti, Toni Negri) verlegt, erschienen ab 1977 vor allem die avantgardistischen, poststrukturalistischen französischen Philosophen (Jean-François Lyotard, Michel Foucault, Gilles Deleuze, Félix Guattari, Paul Virilio) bei Peter Gente, die er zum Teil auch schon bei seinem kosmopolitischen Universitätsprofessor Jacob Taubes, dessen Bibliothek für ihn eine Offenbarung gewesen war, kennengelernt hatte. (54) Der Merve-Verlag wurde damit zu einem der wichtigsten Vermittler dieser französischen philosophischen Strömung in Deutschland, was sich auch in der ökonomischen Entwicklung niederschlug.

Das Ende der linken Theorie der 70er-Jahre und damit auch der Anfang vom Ende des wirtschaftlichen Erfolgs des Merve-Verlags begann nach Philipp Felsch in den 80er-Jahren als "die Theorie in den White Cube der Galerien" (198) abdriftete und der Treffpunkt der Linken in der Kneipe das Zusammensein in der WG-Küche ersetzte. (222) So wurde immer weniger diskutiert als vielmehr Bier getrunken.

1989 fiel die Mauer in Berlin. Laut Philipp Felsch hatte das zwar keine direkte Auswirkung auf Gente, Paris und den Merve-Verlag, das Ereignis und die folgende Wandlung Berlins zur neuen Hauptstadt Deutschlands zerstörte aber ihren "Lebensraum und brachte ihr Geschäftsmodell ins Wanken".(238) 2002 nahm sich Heidi Paris, Peter Gentes Vertraute das Leben. Wenig später darauf, beendete Peter Gente 2007 auch seine Verlagstätigkeit, verkaufte sein Archiv an das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe und zog sich mit dem Erlös nach Thailand zurück, wo es sich noch mit weniger Geld leben ließ. Er verstarb dort 2014. (240)

Persönliche Werkzeuge