Die Brüder Humboldt. Eine Biographie

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Die Brüder Humboldt. Eine Biographie
Autor(en): Manfred Geier
Herausgeber:
Erscheinungsort: Reinbeck bei Hamburg
Verlag: [Rowohlt Taschenbuch Verlag]]
Serie:
Erscheinungsjahr: 2010
Seitenanzahl: 352 Seiten
Originaltitel: -
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3499623277
ISBN-13/

EAN-Code:

978-3499623271
Schlagwörter: Aufklärung, vergleichende Sprachforschung, Naturgeschichte, Humboldt-Universität
Sachgebiete: Biographie
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Manfred Geier hat mit seiner Doppel-Biographie Die Brüder Humboldt. Eine Biographie über Wilhelm (1767-1835) und Alexander (1769-1859) Humboldt neben den biographischen Details der beiden Gelehrten auch eine kulturgeschichtliche Abhandlung über das ausgehende Zeitalter der Aufklärung, der deutschen Klassik und des darauffolgenden Idealismus vorgelegt.

Geier beschreibt die Herkunft der Humboldts, gleichwohl auf dem Schloss Tegel aufgewachsen, eher als bürgerlich denn als adelig. (17 ff) Die Mutter war "von bürgerlicher Herkunft aus hugenottischer Tradition" (19) und erst der Großvater der Humboldts wurde als königlicher Offizier in den Adelsstand erhoben. Unterrichtet wurden die beiden Brüder allerdings eher in adeliger Tradition zunächst nur zu Hause durch Privatlehrer, die die Humboldts teilweise ihr ganzes Leben lang noch prägen sollten, so etwa der Erzieher Gottlob Johann Christian Kunth. (24)

Ab 1785 wurden die beiden Humboldts vermittelt durch Kunth auch in das Bildungsmilieu der "Berliner Aufklärung" eingeführt, zu dem im harten Kern ca. 20 Personen gehörten. (33) In diesen Kreisen lernten die Brüder auch durch das Studium von Kant den zentralen Gedankengang der Aufklärung kennen und zu schätzen. (67) Während Wilhelm Humboldt durch sein Studium der Rechtswissenschaften u.a. in Göttingen recht schnell seinen Weg zu finden schien, war es bei Alexander von Humboldt zunächst nicht so klar, was ihn wirklich umtrieb, aber der Kontakt zu dem Botaniker Carl Ludwig Willdenow weckte sein Interesse an der Naturerforschung und die Bekanntschaft Wilhelm und Alexander Humboldts mit Georg Forster, der Kapitän Cook auf seiner zweiter Reise um die Welt begleitet hatte, beförderte die Sehnsucht Alexanders gewaltig, es ihm nachzutun. (170, 29)

So bricht der Drang zur Naturforschung und zu Forschungsreisen vor allem in Alexander Humboldt aus und er begibt sich auf erste Reisen durch Deutschland und Europa, aber auch Wilhelm ist in dieser Zeit des Studiums viel unterwegs, zum Teil werden auch gemeinsam Freunde und gelehrte Bekannte besucht. (84 ff) So besucht z.B. Wilhelm Humboldt 1789 die französische Revolution als den Ort, wo sich die Aufklärung Bahn bricht. Und auch der Kontakt zur Weimarer Klassik mit Besuchen bei Schiller und Goethe etwa 1794 prägen die beiden Gelehrten sehr. (178)

Die große fünfjährige Reise Alexander Humboldts durch Südamerika (199ff) beschreibt Geier ebenso ausführlich wie Wilhelm Humboldts langjährigen Aufenthalt in Italien (u.a. in Rom), wo er sich auf den Spuren Goethes fühlt. (203) Nach der Rückkehr Alexanders nach Europa möchte dieser aber zunächst nicht wieder nach Berlin zurückkehren und lässt sich vom preußischen König in Paris beurlauben, wo er seine Reiseberichte verfasst, während Wilhelm aber als Bildungsreformer nach den gegen Napoleon verlorenen Kriegen zurückgerufen wird. Der preußische Staat muss und möchte sein Bildungswesen reformieren und Wilhelm gehorcht diesem Ruf zurück nach Berlin, auch wenn er lieber in Rom geblieben wäre. Wilhelm entwirft eine Dreigliedrigkeit der Ausbildung in Preußen mit der Elementarschule, in der Schüler lernen sollen, einem Lehrer folgen zu können, der weiterführenden Schule, die die Aufgabe hat, Schülern das Lernen selbst beizubringen und schlussendlich die Universität, die den Menschen zum ganzheitlichen Selbstdenken befähigen soll. (264) Deutlichster Erfolg Humboldts in dieser Zeit ist die Gründung der Friedrich-Wilhelm-Universität, die heute den Namen der beiden Humboldts trägt.

Auch Alexander Humboldt, der sein ganzes Erbe in die Veröffentlichung seine Reiseberichte gesteckt hatte, kehrt schließlich auch aus finanziellen Gründen und weil er wieder in der Nähe seines Bruders sein möchte, nach Berlin bzw. Potsdam zurück. Wilhelm Humboldt, der sich zuletzt um eine vergleichende Sprachwissenschaft verdient gemacht hatte, stirbt allerdings recht früh in seinen 60er-Jahren 1835, während Alexander Humboldt noch etliche Jahre in Berlin verbringt. Er schreibt hier unter anderem noch sein fünfbändiges "Kosmos"-Werk und hält sehr erfolgreiche, populärwissenschaftliche Vorträge an der Akademie und der Universität, die ihn zu einer Berühmtheit machen, bis er schließlich über 90-Jährig stirbt.

Bewertung

Der Ansatz der Doppelbiographie Manfred Geiers über Leben und Werk der Brüder Humboldt ist außerordentlich gelungen. Das Konzept, das ineinander verwobene Leben der beiden immensen Geistesgrößen zusammen darzustellen, ist voll aufgegangen. Man fragt sich, wie man bisher den einen ohne den anderen darstellen konnte. Zwar weiß man manches mal nicht so recht, wer jetzt was macht und wo ist, weil vieles gleich ist und die beiden Brüder sich häufig gegenseitig befruchtet und beeinflusst haben, aber im Rückblick wird einem klar, dass die beiden Persönlichkeiten zwar sehr unterschiedlich waren, aber doch einen gemeinsamen Kern besaßen. Während Wilhelm sich schnell auf ein geistiges Innenleben konzentrierte, richtete sich das Streben und Wirken Alexanders eher nach außen (241). Am Ende war das Wirken beider Gelehrter im Sinne der Aufklärung und Kants einem gemeinsamen Ziel verbunden, nämlich den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu unterstützen.

Geier ist es mit seiner Biographie gelungen, nicht nur die Geschichte der beiden so außergewöhnlichen Persönlichkeiten zu beschreiben, sondern auch eine Zeit zu beschreiben, in der die Aufklärung auch endlich in Deutschland Einzug hielt, auch wenn es noch ein weiterer Weg als etwa in Frankreich war.

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