Die Endlichkeit des Schreibens oder die Bibliothek von Babel des Jorge Luis Borges

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Inhaltsverzeichnis

Die Endlichkeit des Schreibens oder die Bibliothek von Babel des Jorge Luis Borges

Mit seiner kurzen Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ von 1941 hat der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges, der seit 1955 praktisch erblindet war und noch bis 1973 die argentinische Nationalbibliothek leitete, die Fantasie der Bibliothekswelt und einige Jahrzehnte später auch der Internetwelt nachhaltig angeregt. Seine Idee einer unendlichen Universalbibliothek, die theoretisch jedes mögliche Buch enthält und selbst auf einer langen Tradition utopischen Allwissens und eschatologischer Kombinatorik gründet, berührt die Geister bis heute; so inspirierte diese Erzählung auch Kevin Kelly, den ehemaligen Gründer und Chefredakteur des renommierten amerikanischen Computermagazins Wired zu einem Kapitel in seinem bekannten Buch „Das Ende der Kontrolle“. Heute gibt es einige Webseiten im Internet, die eigens dem Thema Universalbibliothek oder sogar daraus abgeleitet dem Thema Universalbild gewidmet sind.

Die Bibliothek von Babel

Borges beschreibt die Bibliothek von Babel fast ununterscheidbar zu den gängigen Theorien über das Universum, mit dem er die Bibliothek auch vergleicht, als eine unendliche Ansammlung aller nur denk- oder besser: kombinierbaren Bücher, wobei die Bücher in dieser Bibliothek immer 410 Seiten dick sein sollen und 40 Zeilen pro Buchseite und 80 Zeichen in jeder Zeile aufzuweisen haben. Größere Bücher sind auf mehrere Bände aufgeteilt. Borges geht dabei von 25 orthografischen Symbolen (22 lateinische Buchstaben plus Komma, Punkt und Leerzeichen) aus, mit denen diese Bücher gesetzt sind.

Die von Borges erdachte Bibliothek enthält damit jedes Buch, das jemals geschrieben wurde, gerade geschrieben wird oder je geschrieben werden kann, auch jedes Buch, das ungeschrieben geblieben ist und zwar in allen Sprachen der Welt und in jede Sprache übersetzt, die sich lateinischer Buchstaben bedient. Allerdings enthält diese Bibliothek auch sehr viel mehr sinnlose Bücher als sinnhafte, weshalb es die Aufgabe der Bibliothekare dieser Bibliothek ist, nach sinnvollen Büchern Ausschau zu halten, so Borges in seiner Erzählung.

Borges hält diese Bibliothek für endlos, auch wenn er sicher gewusst haben wird, dass diese Kombinatorik lediglich abzählbar unendlich ist. Unter den Vorgaben Borges enthält die Bibliothek 25(410x40x80) oder 251.312.000 oder noch anders ausgedrückt: 1,956 * 101.834.097 unterschiedliche Bücher. Wie unvorstellbar groß diese Zahl ist, ergibt sich aus dem Vergleich mit der Anzahl von Atomen im Universum, das immer wieder auf 1080 geschätzt wird. Borges Bibliothek müsste auf jeden Fall mehr Bücher als Atome im Universum aufweisen. Die Zahl lässt sich besser verstehen, wenn man bedenkt, dass es z. B. von jedem Buch 991 Billionen Variationen geben müsste, die sich nur an zwei Stellen voneinander unterscheiden. Es ist zudem ausgerechnet worden, dass der Platz im Universum nicht ausreichen würde, um auch nur alle Varianten eines einzigen 410 Seiten zählenden Buches, das sich an jeweils 12 unterschiedlichen Stellen unterscheidet, in Regalen aufzustellen.

An dieser Stelle sei die Frage erlaubt, ob eine solche Anzahl von Büchern eigentlich digital speicherbar wäre? Es ist auf jeden Fall schwer vorstellbar, dass man mehr Informationen als Atome in der Welt speichern können sollte, selbst wenn man diese noch so geschickt komprimieren würde. Das Ansinnen ist in dieser Größenordnung jedenfalls nicht praktisch durchführbar.

Dennoch können Sie in dieser Bibliothek stöbern und vielleicht den nie geschriebenen 3. Band von Goethes Faust, die Autobiografie der Erzengel oder die wahrheitsgemäße Beschreibung Ihres eigenen Todes finden, wie Borges anhand dieser und ähnlicher Beispiele ausgeführt hat. Einen kleinen, aber stetig wachsenden Auszug der unendlichen Bibliothek finden Sie im Internet unter folgender Adresse: http://hamete.org/babel/index_en.html Zufällig erzeugte „Universalbilder“ nach dem gleichen Prinzip können Sie sich hier ansehen: http://www.warrobs.com/babel/babel.html (Sie benötigen eine installierte Java VM auf Ihrem Rechner).

Die Endlichkeit des Schreibens

Noch interessanter als die Mathematik, die hinter dieser unendlichen Bibliothek steht, ist der „Skandal der Endlichkeit des Schreibens“, den man auch als eine „Eschatologie der Schriftkultur“ bezeichnen könnte. Denn wenn alle Bücher der Welt letztlich nur aus einer endlichen Kombinatorik von Zeichen hergestellt sind, dann ist irgendwann alles gesagt und geschrieben und selbst die Annalen der Geschichte der Welt irgendwann nur noch eine Wiederholung des ewig Gleichen. Das ist offensichtlich eine metaphysische Bedrohung des Menschen und seiner Welt, in der er lebt.

Borges hat deshalb nicht zuletzt seiner Erzählung einen Titel gegeben, der auf ein Gleichnis aus dem Buch der Bücher – der Bibel – anspielt, der babylonischen Sprachverwirrung. Borges Bibliothek beinhaltet alles Wissen der Welt in einer solchen Vielfalt und in so vielen Ausprägungen, alles, was jemals geschah und alles, was noch passieren wird, dass uns diese Vielfalt in unserem eigensten Sein bedroht. Diese Entropie des Wissens zerstört nicht nur den Sinn von Sein, sondern bedroht auch die Weisheit der Menschen, weil die Suche nach Wahrheit und sinnvollem Wissen in der Bibliothek von Babel die einzige Aufgabe ihrer Benutzer ist. Es ist eine Bibliothek ohne Kanon und kollektives Gedächtnis, eine Bibliothek voll Schrift, aber ohne Schriftkultur. Übertragen auf den Menschen und den Sinn des Lebens bedeutet das, dass alles Handeln der Menschen in einem endlichen, bereits vorgegeben Rahmen geschieht, den der Mensch zwar aktiv durch Finden von Entscheidungen („Finden eines richtigen Buches“) beeinflussen kann, der prinzipiell aber endlich ist und schon vorher feststeht. Der Mensch kann sich so zwar zu seinem Schicksal aktiv verhalten, aber jedes denkbare und mögliche Schicksal ist bereits geschrieben.

Die Schriftkultur als kulturelles Gedächtnis der Menschheit

Die Vorstellung dieser babylonischen Bedrohung ist nicht neu, im Gegenteil ist das metaphysische Streben der Menschheit gegen diese babylonische Sprachverwirrung und die verwirrende Vielfalt des Wissensstromes geradezu eine Grundkonstante der menschlichen Kulturentwicklung. Das Abendland gründet auf einer Schriftkultur, die fast zeitgleich in Israel und Griechenland entstanden ist (500 vor Christus) und zum einen die hebräische Bibel als religiösen Kanon hervorbrachte und zum anderen die griechisch rationalistische Philosophie von Platon bis Archimedes. Auch andere Kulturkreise unterlagen einer ähnlichen Kanonbildung in historisch gleicher Epoche, die buddhistische Tipitaka oder die Lehren des Konfuzianismus und Daoismus sind hierzu zu zählen; vieles, was danach kam, gründete sich auf diese Kanonbildungen. Karl Jaspers hat diese kulturelle Kanonbildung, die historisch im großen Zusammenhang betrachtet zur „gleichen Zeit“ stattfand, in seiner Untersuchung zum Ursprung und Ziel der Geschichte als Achsenzeit bezeichnet. Es ist die metaphysische Grundlegung in einer abzählbar unendlichen Welt, es ist der Versuch zur Schaffung von Sinn in einer babylonisch verwirrten Welt. Die Erfindung der Schrift als kulturelles Gedächtnis und Speichermedium (Maurice Halbwachs) ist der Versuch aus dem Strom der Zeit Sinn zu extrahieren und einen Filter auf die scheinbar sinnlose Welt zu legen.

Viele Anstrengungen der Menschheit vor allem auf dem Gebiet dieser Schriftkultur in Form von Büchern und Bibliotheken sind dieser Schaffung von Sinn in der babylonischen Verwirrung geschuldet. Schon im Altertum standen die Bibliotheken von Alexandria und Pergamon für das Ziel, alle Bücher der Welt sammeln zu wollen, wozu nach damaliger Berechnung „nur“ 500.000 Buchrollen notwendig gewesen wären. In ihrer Blütezeit soll die Bibliothek von Alexandria etwa 700.000 Buchrollen besessen haben, also praktisch alle Bücher der Welt.

Als Bibliotheken und ihre Größe zunahmen und das bekannte Wissen der Welt immer weniger von einer einzigen Person überschaut werden konnte, entstand der Bedarf nach Zusammenfassungen, Konglomeraten und Übersichten. Die Literaturgattung der Enzyklopädie entstand daher bereits in der Antike oder je nach Definition auch noch in früheren Hochkulturen. Zu nennen sind hier etwa die altindischen Veden (aus Sanskrit, wörtlich: „Wissen“, eine Sammlung religiöser Texte des Hinduismus) oder die altägyptische Enzyklopädie des Amenemope. Und der römische Gelehrte Varro erstellte eine der ersten, heute nur in Fragmenten überlieferte Enzyklopädie der Antike zusammen, die das Wissen seiner Zeit über Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie, Musik, Medizin und Architektur zusammenfasste. Sie war maßgeblich für die Herausbildung und Definition der mittelalterlichen freien Künste (Artes liberales), so wie sie Augustinus und Boëthius zur Definition der Bildung dienten. Am besten erhalten geblieben ist die „Naturalis historia“ von Plinius dem Älteren, weshalb sie heute vielen als die erste Enzyklopädie gilt.

Mittelalterliche Enzyklopädien haben weit weniger Strahlkraft erzeugt als ihre antiken Vorbilder, auch wenn sie erstaunliche Kompilationen hervorbrachten wie etwa im Fall des Isidor von Sevilla mit seinen 20 Bücher umfassenden „Origines“ (7. Jahrhundert n. Chr.) oder gar als Vorbild für die heutige Form der Enzyklopädie gelten können wie im Fall des 80 Bücher umfassenden Werks „Speculum maius“ von Vinzenz von Beauvais (13. Jahrhundert n. Chr.).

Die Revolution des Buchdrucks im 15. Jahrhundert entfachte eine rege Titelproduktion von Büchern, weshalb man hier auch von der frühneuzeitlichen Medienrevolution des Buchdrucks spricht. Exakte Zahlen gibt es nicht, aber bereits im 16. Jahrhundert wurden ca. 150.000 und im 17. Jahrhundert ca. 250.000 unterschiedliche Druckwerke in lateinischer und zunehmend deutscher Sprache hergestellt. Das Wissen der Welt in Buchform nahm ein das Ideal des Universalwissens bedrohendes Ausmaß an. Der Universalgelehrte als Polyhistor war ein Ideal der Frührenaissance und wurde durch zunehmende Spezialisierung immer weiter bedroht. Es ist daher kein Zufall, dass die Universalenzyklopädie in alphabetischer Ordnung im 18. Jahrhundert entstanden ist und sich den bis dahin nicht behandelten Themen des Alltags annahm. Die Berühmtheit der „Encyclopédie“ von Diderot und d’Alembert fußt zu einem Großteil genau darauf, auch praktisches Wissen, z. B. über Handwerk und Handel in die Enzyklopädie aufgenommen zu haben.

Im 18. Jahrhundert entstanden in Europa viele heute noch berühmte Enzyklopädien der Aufklärung, neben der französischsprachigen „Encyclopédie“ vor allem auch das deutschsprachige „Große vollständige Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste“ des Verlegers Johann Heinrich Zedler und die bis heute noch gedruckte, englischsprachige Encyclopædia Britannica.

Während im 18. Jahrhundert ca. 600.000 deutschsprachige Drucke erschienen, wurden im 19. Jahrhundert schon ca. 1.5 Mio. Bücher alleine im deutschsprachigen Raum gedruckt. Die Enzyklopädie im 19. Jahrhundert musste diesen Informationsfluss genauso verarbeiten und bedienen wie sie sich den veränderten sozialen Bedingungen einer breiten, bürgerlichen Sozialschicht anpassen musste. So trugen etwa in Deutschland die berühmten Großenzyklopädien des 19. Jahrhunderts (Brockhaus, Meyer, Pierer und Herder) nicht unwesentlich zur Herausbildung der deutschen Nation bei, indem sie einen verbindlichen Bildungskanon definierten und transportierten.

Im 20. Jahrhundert entstanden zwar auch weiterhin enzyklopädische Großprojekte wie die Enciclopedia Italiana in Italien, dennoch wurde es offensichtlich, dass die solitäre Großenzyklopädie das Bedürfnis nach umfassender Information nicht mehr decken konnte. Die Enzyklopädien zogen sich auf einen bürgerlichen Bildungskanon zurück und überließen weite Teile der Information dem immer schneller wachsenden Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt sowie unzähligen Speziallexika. Große Teile des rasant wachsenden Informationsmarktes etwa durch den Rundfunk blieben in den Printwerken ebenso unbeachtet wie die Populärkultur. Dass die Enzyklopädie in Printform als verdichtetes Medium an ihre Grenze gekommen ist, lässt sich nicht nur an der rasant angewachsenen Titelproduktion im deutschsprachigen Raum ablesen (ca. 15 Mio. Titel für das 20. Jahrhundert), sondern auch an der trivialen Informationsmasse, die im Rundfunk täglich produziert wird. Ganz gleich, ob sich relevante Information nun alle 5, 10 oder 100 Jahre verdoppelt, das Zeitalter der Enzyklopädie wanderte zunächst von seiner Printform zur CD und DVD und hat sich neuerdings aufgemacht, nur noch elektronisch im Internet zu existieren. Ob rein elektronische Enzyklopädien allerdings einmal so alt werden können wie die des Plinius ist eine ganz andere Frage.

Denn zum Mythos wird meist das, was vergeht. So ist die Alexandrinische Bibliothek erst richtig zum Sinnbild des Wissens durch ihre Zerstörung geworden. Die Berichte über ihre Zerstörung sind zwar historisch nicht belegt, weder die Zerstörung durch Cäsar 47 v. Chr. noch die während der Eroberung Alexandrias durch die Araber, doch trägt gerade die Vernichtung der Bibliothek zu ihrem Nimbus bei. Der Aufbau eines allumfassenden Wissensspeichers, der uns vor dem Vergessen schützt, gehört in unseren Vorstellungen untrennbar mit seiner Bedrohung und Zerstörung zusammen. Der Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek 2004 in Weimar wirkt in unserer Vorstellung wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung einer immerwährenden Bedrohung unseres kulturellen Gedächtnisses.

Große Zerstörungen von Bibliotheken hat es gleichwohl oft und zahlreich in der Geschichte gegeben und in Ihnen schwingt immer gleich die Bedrohung der babylonischen Verwirrung mit. Die größte Bücherverbrennung aller Zeiten ist zugleich der Versuch gewesen, das kulturelle Gedächtnis einer Zeit auszulöschen und die Geschichte quasi neu zu beginnen. Dem chinesischen Qin-Kaiser Shi Huangdi (3. Jahrhundert v. Chr.) ist die zweifelhafte Ehre zuteil geworden, diese Bücherverbrennung angeordnet zu haben, gleichwohl es auch hier Zweifel an der Historizität der Quellen gibt. Auf seinen Befehl hin soll sämtliche Literatur, Geschichtsschreibung und Philosophie vernichtet worden sein, die vor seiner Dynastie geschrieben worden ist.

An quellenmäßig gut dokumentierten Bücherverbrennungen und massenhaften Büchervernichtungen mangelt es indes nicht und sie deuten immer wieder auf den engen Zusammenhang der Schrift und der Gewinnung von kulturellem Sinn und Gedächtnis hin. Die Vernichtung der aztekischen Handschriften (Codices) durch die Spanischen Eroberer zählt hierzu genauso wie die Zerstörung der Löwener Universitätsbibliothek im I. WK durch die deutsche Armee als Reaktion auf angebliche Partisanenaktivitäten der Bevölkerung. Der gezielte Beschuss der bosnischen Nationalbibliothek durch serbische Einheiten, bei dem über 1 Mio. Bücher verbrannten, ist ein tragisches Beispiel der jüngsten Vergangenheit.

Die nationalsozialistische Bücherverbrennung ist ebenfalls gut dokumentiert, als Propagandaaktion war sie von vorne herein darauf angelegt, öffentlichkeitswirksam vollzogen zu werden; sie war geplant, auch wenn die nationalsozialistische Führung sie als spontane Demonstration des Volkswillens verstanden wissen wollte. Sie sollte mehr sein als nur die Zerstörung von gefährlichen und „volkszersetzenden Schriften“, es ging um die Zerstörung einer auf Rationalität beruhenden Schriftkultur in Deutschland. Die pseudoreligiöse Zeremonie stellte an sich einen Gegenentwurf zur Schriftkultur dar, ihre Symbolik konnte nicht deutlicher sein. Dass diese Politik einer kulturellen Kriegsführung nicht nur die vermeintlichen inneren „Feinde“ wie das Judentum, den Liberalismus, Sozialdemokratismus oder Kommunismus getroffen hat, sondern alle europäischen Länder, die vom kriegsführenden Deutschland besetzt worden sind, ist weniger bekannt. Sondereinheiten der Deutschen Wehrmacht waren in den besetzten Gebieten während des II. WK damit beschäftigt, Bibliotheken von Universitäten, Archiven und Instituten von unerwünschten Büchern zu säubern, sie zu zerstören oder für deutsche Einrichtungen zu beschlagnahmen. Alleine in der Ukraine sollen 51 Millionen Bücher zerstört oder enteignet worden sein.

Die Bibliothek von Babel im Internetzeitalter

Gottfried Wilhelm Leibniz wollte mit der Einführung einer auf Logik beruhenden Universalsprache den Konflikten der babylonischen Sprachverwirrung ein Ende bereiten. Er setzte dabei auf das seiner Meinung nach grundlegendste aller Systeme für die Wissenschaft: das Binärsystem, wofür er sogar einen Rechenautomaten vorsah. Leibnitz glaubte, dass die Wahrheit einer Aussage logisch berechenbar sei. Wie weit er seiner Zeit damit voraus war, können wir erst heute beurteilen, da sich die Revolution der binären Welt im Computerzeitalter mit rasender Geschwindigkeit entwickelt.

Das Internet gründet heute auf dieser binären Betrachtung der Welt, es ist zudem eine Schriftkultur dritter Ordnung, die auf der Erfindung der Schrift und des Buchdruckzeitalters aufsetzt und sie entscheidend erweitert. Die Hypertextstruktur des Internets hat ähnliche Utopien wie die Medienrevolutionen vor ihr entfacht. Auch vom Internet wurde und wird mit unverminderter Euphorie erwartet, dass es alles Wissen der Welt zur Verfügung stellt. Während die Enthusiasten und Vordenker des Webs als universeller Enzyklopädie und bibliothekarischem Wissensspeicher noch in den 90er Jahren belächelt wurden, hat das Internet mittlerweile begonnen, die Utopie des vernetzten Allwissens einzulösen.

Es entstehen nicht nur durch die Mithilfe der Nutzer in einem wechselseitigen Zusammenwirken universelle Wissensplattformen wie die Wikipedia, sondern Digitalisierungsprojekte etlicher Internetunternehmen und Institutionen haben damit begonnen, selbst das in Büchern gespeicherte Wissen zu digitalisieren und im Internet per Volltextsuche abrufbar zu machen. Durch diese Bestrebungen haben 40 Jahre nach dem von Marshal McLuhan erklärten Ende des Buchzeitalters die Rufe wieder zugenommen, die das Ende des Buchzeitalters für gekommen halten.

Unübersehbar hat das Internet nicht nur zu einem Paradigmenwechsel beim Zugang zu Wissen beigetragen, dessen Auswirkungen sich erst langsam, aber sehr deutlich abzeichnen, sondern das Internet beginnt auch die auf Linearität ausgerichtete Buchkultur zu verändern. Die Suche ersetzt zunehmend das Stöbern und explorative Vorgehen bei der Erarbeitung eines Themengebietes und die Texte der Internets werden nicht mehr von vorne bis hinten gelesen sondern überflogen, sie werden gescannt. Dass das Medium unsere Wahrnehmung formt, ist unbestritten. So hat die Suchmaschine den Zettelkasten der klassischen Bibliothek abgelöst. Der Traum von einer universellen alexandrinischen Universalbibliothek, die per Volltextsuche eine algorithmisch errechnete Antwort auf alle Fragen findet, scheint die Bedrohung einer Bibliothek von Babel beseitigt zu haben. Die Benutzer der Suchmaschinen sind wie die Bibliothekare in der Bibliothek von Babel, nur, dass Sie eine extrem mächtige Funktion an der Hand haben, ihre babylonische Bibliothek zu durchsuchen und die sinnlose Information von der sinnhaften zu trennen, nämlich die relevanzbewertete Trefferliste der Suche.

Dennoch wird trotz aller enthusiastischer Bekundungen und Euphorie über das mögliche Ende der babylonischen Bibliotheksverwirrung das metaphysische Problem der Menschen, Wahrheit zu finden und als kulturelle Überlieferung in einen Kanon zu bringen nicht durch die Suchmaschine eingelöst. Im Gegenteil, die Suchmaschine ordnet wie von „unsichtbarer Hand“ das Wissen der Welt fein säuberlich auf einer Perlenschnur auf, aber einen Kanon oder Wahrheit produziert sie nicht, sie bringt Auffälliges und Markantes nach oben, verdeckt jedoch das Unscheinbare, Zarte und Leise. Die Suchmaschine verdeckt den Long-Tail, der sie groß gemacht hat, große und wichtige Teile der Bibliothek von Babel geraten in Vergessenheit. Die Selbstreferenzialität der Suchmaschine ist das Problem, das sie vorgab zu lösen. Indem sie errechnet, was wichtig ist, macht sie das, was wichtig war, wichtiger und das, was unwichtiger war, unwichtiger. Die Suchmaschine von heute ist ein automatischer, sich selbst verstärkender Trichter, der sich selbst von der Rückkopplung abgeschnitten hat. Was in den Suchmaschinen nicht zu finden ist oder noch schlimmer: nicht auf den ersten Seiten der Trefferliste zu finden ist, ist nicht existent. Der Wissenskanon der Menschheit wird heute von einem Computer quasi neutral und unbestechlich errechnet.

Björn Hoffmann, Dezember 2007

Aktualisiert im November 2010.

Werke

Die Bibliothek von Babel

Sekundärliteratur:

Internetquellen

Simulationen der Bibliothek von Babel:

Simulationen der Bibliothek von Babel als Bild:

Monografien:

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  • Assmann, Aleida. Sammler - Bibliophile - Exzentriker. Literatur Und Anthropologie ; 1. Tübingen: Narr, 1998.
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  • Burke, P. and M. Wolf (2002). Papier und Marktgeschrei : die Geburt der Wissensgesellschaft. Berlin, Wagenbach.
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