Die Stadt der sterbenden Bücher

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Die Stadt der sterbenden Bücher

'Das Buch stirbt, langsam, aber es stirbt. Das ist sicher. Sie glauben das nicht? Weil doch z.B. die Frankfurter Buchmesse seit mehr als 10 Jahren konstant um die 280.000 Besucher anlockt, mal ein paar mehr, mal ein paar weniger? Das sei u.a. auch vom „Ehrengast“ abhängig, so der Veranstalter der Buchmesse leicht entschuldigend für die vermeintlich abseitigen Themen und Länder in manchen Jahren. Doch das Buch stirbt, da helfen auch keine Ausreden; es ist so bedroht wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart, für die man eigens einen Park in Afrika errichtet hat. Das ist die Frankfurter Buchmesse mittlerweile, ein Park für vom Aussterben bedrohte Medienträger. Auf der Leipziger Buchmesse ist es nicht anders, gerade wegen des dortigen Besucherrekordes, der das Buch zum Manga-Happening macht. Es ist bedroht und stirbt, das Buch.

Doch zunächst stirbt erst einmal der Zugang zum Buch. Na klar, es gibt noch starke und mächtige Institutionen in Deutschland, die das Buch und den Zugang zu ihm schützen. Allen voran sind hier die beiden Standorte der Deutschen Nationalbibliothek zu nennen, die jedes in Deutschland und im Ausland in deutscher Sprache erscheinende Bücher sammeln. Aus historischen Gründen sogar doppelt und an zwei Standorten, einmal in Leipzig und einmal in Frankfurt am Main, nicht ganz zufällig auch die Orte der beiden deutschen großen Buchmessen. Einmal am Tag tauschen die beiden Standorte Bücher und Daten aus, mit dem LKW. Das ist, man kann es nicht anders sagen, ein herrlicher Anachronismus, der aus dem 20. Jahrhundert ins 21. Jahrhundert hineinragt.

Darüber hinaus gibt es noch die Staatsbibliotheken, deren Sammelauftrag über die deutsche Sprache zum Teil weit hinausgeht. Auch davon haben wir in Deutschland aus historischen Gründen mehr als eine. Während die beiden Standorte der Deutschen Nationalbibliothek sich aus der Deutschen Teilung zwischen 1945 und 1989 ergeben haben, liegen die Ursprünge der rund 40 regionalen Landes- und Staatsbibliotheken im deutschen Föderalismus noch aus fürstlichen Zeiten begründet. Wer etwas zählen wollte in der Welt des Deutschen Bundes brauchte eine große, über das eigene Territorium hinausweisende Bibliothek oder zumindest eine große Universitätsbibliothek, wenn es zu einer Staatsbibliothek wie in Berlin, München, Hamburg, Göttingen oder Dresden nicht reichte. Daher gibt es in Deutschland auch noch einmal 80 Universitätsbibliotheken. Doch machen wir uns nichts vor. Es gibt sie, aber es wird sie nur so lange noch geben, so lange es Studienfächer gibt, für die auf das gedruckte Wort mangels elektronischer Alternative zurückgegriffen werden muss. Aber schon heute überwiegt in vielen Fächern, vor allem in den naturwissenschaftlichen, die elektronische Literaturversorgung.

Hinzu kommt, dass die nachwachsenden Generationen gelernt haben, mit Google und dem Smartphone an ihre Literatur zu gelangen. Das ändert die Art und Weise, wie Literatur rezipiert wird so nachhaltig, dass man Hallen zur Aufbewahrung von Büchern bald maximal noch als Ort der Ruhe, aber nicht mehr als Speicher für Bücher benötigen wird. Das wird Einfluss auf die Etats der Bibliotheken und schließlich auch auf ihre Bestände haben. Gleiches gilt selbstverständlich auch für die Stadtbibliotheken, von denen es noch sage und schreibe 3.900 in kommunaler Trägerschaft im Jahr 2013 gibt.

Doch das Buch stirbt langsam. Man merkt es am ehesten schon heute am deutschen Buchmarkt. Im Oktober 2013 meldete der Branchenmonitor Buch des Börsenvereins erneut Rückgänge im einstelligen Prozentbereich für sämtliche Vertriebswege angefangen beim Sortiment über das Warenhaus, aber auch bis hinein in den E-Commerce hinein. Mit anderen Worten: Die Buchhandlungen vor Ort oder im Netz verkaufen immer weniger Bücher und zwar sowohl weniger Hardcover- als auch weniger Taschenbücher. Das führt nach Jahren der Verdrängung kleiner Buchhandlungen durch sogenannte große Filialisten jetzt dazu, dass diese Filialisten ihre großen Häuser schließen müssen und die Flächen deutlich reduzieren werden. Schon ist im Buchhandel davon die Rede, dass die Verkaufsfläche für Bücher in Deutschland halbiert werden müsse. Der Abschied von Weltbild ist nur der Anfang.

Wie gesagt, das Buch stirbt. Erst langsam noch, aber es ist unaufhaltsam. Erst trifft es den Buchhandel, dann die Verlage und Messen und dann auch die Bibliotheken. Und am Ende wird auch die Form der Autorschaft und des abgeschlossenen Werkes an sich bedroht sein. Denn auch der Autor stirbt längst durch die elektronische Literaturversorgung. Es zählt der ständig fortgeschriebene Artikel, der permanent wächst und aktuell ist wie die Startseite eines Nachrichtenportals, zusammengestellt per copy&paste von der Weisheit der Vielen. Es zählt schon längst nicht mehr das in mehrjähriger Arbeit zusammengetragene, abgeschlossene Werk eines Wissenschaftlers, vielleicht gar 10 Jahre alt. Wer soll das heute noch lesen, wo es doch längst neuere Untersuchungen gibt, zusammengetragen und zusammengefasst an einem virtuellen Ort in den Weiten des Internets, das auch längst nicht mehr so virtuell und schäbig daherkommt wie noch in den Zeiten, in denen man einen „PC“ hochfahren und den Browser starten musste. Die elektronische Literaturversorgung von heute geschieht bequem auf das Tablet hinauf, das immer online, standby und nicht größer als ein Taschenbuch ist. Gefunden wird das Wissen über einen Hyperlink, eine Volltextsuchmaschine oder einfach so nebenbei im Kontext des eben gerade Gelesenen mit einer einfachen Handbewegung, „at your fingertips“ wie es einst Bill Gates 2005 erträumte und Steve Jobs 2007 mit dem I-Phone verwirklichte. Schauen Sie sich einmal morgens in einem Bus, eine U- oder S-Bahn um, sie werden verstehen, was ich meine.

Dass das Buch stirbt, ist so klar wie unvermeidlich, solange wir inmitten oder als Kinder der digitalen Revolution leben. Es ist keine Frage des „ob“, sondern nur „wann es so weit sein wird“ und welche luxuriösen Oasen es dann noch geben wird. So wie es auch heute noch in den Szenebezirken Berlins wie selbstverständlich jede Menge Plattenläden gibt, so wird es auch in 10 oder 20 Jahren noch Buchhandlungen, vor allem Antiquariate und Bibliotheken geben. Die Bibliothek vor allem aber wird ein Luxusgut sondergleichen sein. Und das Buch wird vielleicht noch ein Element des Retrochic sein, aber seiner heutigen Funktion an sich beraubt. Denn das Buch ist nicht nur der Ort einer originären Abgeschlossenheit der Gedanken eines Autors, sondern es ist auch eine Form der Aufmerksamkeit des Lesers und die Darstellung einer Linearität, die es heute nicht mehr braucht. Das ändert das Denken an sich. Wird es gut oder schlecht sein, dass das Buch mitsamt seinen Funktionen stirbt? Die Menschheit und ihre Entwicklung wird das Buch an sich nicht vermissen, sie benötigt es nicht, jedenfalls nicht für die Entwicklung der Produktivkräfte und des Kapitals, aber auch nicht für die Entwicklung des Geistes mit seinem heute vernetzten Wissen und seinen datenbankgestützten semantischen Verknüpfungen und Erkenntnissen. Dennoch und auch das ist klar: Wir wissen vielleicht nicht, wie die Literaturversorgung in 10 oder 20 Jahren aussehen wird und auch nicht wie sie in 100 Jahren oder vielleicht in 200 Jahren gestaltet sein wird, aber in 1.000 Jahren, das flüstert uns das historische Wissen ein, wird vielleicht das Einzige, was aus unserer Zeit übrig geblieben sein wird, ein Buch sein, das in Stein gemeißelt wurde, aber die Wikipedia von heute, sie wird verloren sein.

Daher und weil ich glaube, dass der lineare Geist auch einen inhärenten, nicht in Effektivität, sondern nur in Weisheit zu messenden Vorteil gegenüber dem datenbankgestützten, semantisch sauber ausgezeichneten Geist hat, plädiere ich sehr für die Erschaffung einer Stadt der sterbenden Bücher. Die Regel dieser Stadt wird lauten, dass jeder Besucher willkommen ist, solange er liest und dass er mit Büchern in den Händen eintreten dürfe in diese Stadt, aber nie und unter keinen Umständen ein Buch wieder mit hinausnehmen dürfe. Die Stadt der sterbenden Bücher nimmt alle Bücher von Fremden, die sich ihrer entledigen wollen bei sich in unsortierter Form auf und stellt jedes Zimmer, jede Etage vom Keller bis hinaus zum Speicher und jede Straße und jedes Haus voll mit Büchern. Die Bücher werden beim Eingang nicht sortiert, nicht nach Thema, Art, Größe oder Sprache und jede Dublette ist willkommen. Die Bewohner dieser Stadt können bei den Büchern auf Liegen einschlafen, dort essen und trinken, sie dürfen auch Bücher von einem Zimmer zu einem anderen mitnehmen, aber sie dürfen keine der Räume abschließen oder versperren und sie dürfen vor allem: kein Buch hier entfernen! In den Räumen selbst gilt das Gebot der Stille, denn es wird die Stadt der sterbenden Bücher sein. Eine Ausnahme werden die Vortragsräume bilden, in denen sich Besucher zu spontanen Vorträgen mit etlichen Büchern zusammenfinden.

Waren Sie schon einmal in der Buchhandlung des 2011 leider verstorbenen US-Amerikaners George Whitman „Shakespeare & Company“ in Paris? Das Internet ist voller Bilder der Räume, der Treppen und der Bücher, die einfach überall herumstehen und liegen und zu denen Sie sich selbst dazusetzen, stellen oder legen können. Wenn Sie sich die Bilder dieser legendären Buchhandlung ansehen, dann können sie sich in Ansätzen vorstellen, wie Räume und Häuser in der Stadt der sterbenden Bücher aussehen werden und wie es sich darin lesen, leben und diskutieren lässt. Sie können sich dann und erst recht, wenn Sie einmal vor Ort gewesen sind, sicher vorstellen, wie sie willkürlich und zufällig auf ein Buch stoßen, mit dessen Inhalt sie ansonsten nie und nimmer in Berührung gekommen wären. Das wird das Browsing im eigentlichen Sinne ermöglichen, zusammenhanglos, ungerichtet und trotzdem nicht ohne Sinn und Verstand. Vielleicht werden die Besucher der Stadt auch zu Bibliothekaren des Geistes werden und die Bücher in immer neuen Variationen und Sammlungen zusammenstellen. Mal wird Camus „Der Mensch in der Revolte“ vielleicht bei Sartre stehen, ein anderes mal aber vielleicht auch in der Abteilung „Revolutionen und Revolte“, die es sonst so in keiner Bibliothek je geben wird. Ein anderes mal hat Jemand das Buch vielleicht mit herüber genommen, zum Haus der französischen Intellektuellen.

Die Häuser der sterbenden Bücher werden ein Ort für jedes Buch sein, das in den Häusern der Menschen nicht mehr gewollt ist, das ansonsten im Altpapier oder noch schlimmer: auf dem Kunstmarkt landen würde. So, wie es derzeit fast überall passiert, wenn eine ältere Person stirbt, die ein paar Bücher hatte. Niemand weiß, was er mit den Büchern tun soll, die vielleicht einmal sogar für sein Leben standen. Die Stadt der sterbenden Bücher wird allen diesen Bücher Asyl anbieten und damit den geistigen Teil dieser Menschen an einem Ort zusammenführen. So, wie es einst Golo Mann ausdrückte: „Wir sind, was wir gelesen.“ Die Stadt der sterbenden Bücher wird, was wir gelesen und was wir vereint haben.

Die Stadt der sterbenden Bücher wird die Stadt mit der größten Buchdichte und Buchvielfalt der Welt sein. Die Stadt der sterbenden Bücher wird ein Hort des linearen, analogen Denkens und Verknüpfens sein. Die Stadt der sterbenden Bücher ist ein utopischer Ort, aber es kommt darauf an, dass wir ihn anfangen aufzubauen. Ich selbst würde gerne in den Wohnhäusern nahe der Stadt der sterbenden Bücher wohnen. Denn die Stadt der sterbenden Bücher wird der lebendigste Ort der Welt werden, in dem der lineare Geist, so wird man sich vielleicht später einmal erzählen, vielleicht das elektronische Zeitalter hat überwintern lassen.

Wer seine Bücher schon heute der Stadt der sterbenden Bücher anvertrauen möchte, sendet diese bitte an folgende Adresse

Stadt der sterbenden Bücher
c/o Leinestr. 16
14612 Falkensee


Denis Diderot 10:13, 23. Mär 2014 (CET)

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