Golo Mann. Biographie

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Golo Mann. Biographie
Autor(en): Tilamnn Lahme
Herausgeber:
Erscheinungsort: Frankfurt a. Main
Verlag: S. Fischer
Serie:
Erscheinungsjahr: 2009
Seitenanzahl: 551 Seiten
Originaltitel: -
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3100432002
ISBN-13/

EAN-Code:

978-3100432001
Schlagwörter: Biographie, Golo Mann, Thomas Mann
Sachgebiete: Sachbuch
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Der Historiker Dr. Tillmann Lahme hat mit seiner Biographie über Golo Mann das Leben eines der erfolgreichsten und damit auch einflussreichsten Historikers der frühen Bundesrepublik nachgezeichnet. Geprägt wurde Golo Mann einerseits durch seine Abstammung als Sohn des berühmten und gegenüber seiner Familie teils unnahbaren, teils übermächtigen Schriftstellers Thomas Mann als auch durch die Irrungen und Wirrungen des Zweiten Weltkriegs, die ihn in die "äußere Emigration" in die USA trieben. Sich als Europäer verstehend kam Golo Mann jedoch zurück nach Deutschland, wo er sich in der jungen Bundesrepublik gegen die Daheimgebliebenen durchsetzen musste.

Lahme teilt das Leben Manns in 5 große Abschnitte ein. Der 1. Abschnitt reicht von seiner Kindheit in München über seine Schulzeit in Salem bis zu seiner Emigration 1933. Dabei geht Lahme inbesondere auch auf die Schulzeit in Salem ein, die auch den jungen Mann nachhaltig prägen sollte. Hier wuchs Mann geprägt durch den reformpädagogischen Ansatz von Kurt Hahn heran, in dem es weniger um "Belehrung- und Wissensvermittlung als Charakter- und Willensbildung" (29) ging. In Salem wurde neben dem Unterricht vor allem auch viel Sport getrieben und Werk- und Landarbeit gelehrt. In Salem bildete sich auch die Homosexualität Manns heraus, eine Neigung, die er mit einigen Familienmitgliedern teilte. Nach einer kurzen Zwischenstation in Berlin begab sich Mann schließlich zum Studium nach Heidelberg, der "republikanischen Musteruniversität" (63), wo er nicht nur bei Karl Jaspers studierte und promovierte, sondern auch als tendenziell sozialistisch Orientierter den Aufstieg der Nationalsozialisten miterleben musste. Seine Promotion schloss er jedoch nur mit "cum laude" ab.

Im 2. Abschnitt der Biographie beschreibt Lahme die Zeit von Manns Emigration zwischen 1933 und 1945. Nachdem die offenen NS-Kritiker Thomas, Heinricht, Klaus und Erika Mann aus seiner Familie das Land verlassen hatten, entschied sich auch Golo Mann das Land zu verlassen. Zunächst versuchte er als Lektor in Frankreich unterzukommen, später versuchte er sein Glück in Prag, das sich jedoch nicht so recht einstellen wollte. Zurück in Frankreich versuchte er, eine Aufenthaltsgenehmigung für die Schweiz zu bekommen, musste jedoch seine Internierung fürchten, wurde schließlich auch in Frankreich internieren, floh aber schließlich mit einem als "Gespensterzug" (156) bekanntgewordenen Zug in Richtung Spanien, in dem 2.000 deutsche Flüchtlinge saßen. Der Zug hatte sein Ziel damals nicht erreicht, weil er quasi vor seinem eigenen Schatten gewarnt worden war, in dem man dem Zug mitteilte, es seien Deutsche im Anmarsch, womit der Zug selbst gemeint war und daraufhin kurioserweise und unnötigerweise stoppte. Mann glückte zusammen mit Heinrich Mann und Franz Werfel schließlich dennoch über Spanien und Portugal per Schiff die Flucht in die USA. Glück im Unglück fand Mann zwar durch die Aufnahme im kalifornischen Elternhaus, empfand die Mischung aus Hollywood-Filmwelt und europäischen Emigrantentum aber eigentümlich und fremd wie einen "Zauberberg, aber ohne die geistigen Ansprüche". (166) Über seine Arbeit beim amerikanischen Rundfunk gelangte Mann schließlich in die militärische Propagandaabteilung und dann 1945 als Zensor zum Radio Frankfurt, einem Vorläufer des Hessischen Rundfunk.

Der 3. Abschnitt beschreibt die zögerliche, aber bestimmte Rückkehr Manns nach Deutschland. Hatte er sich bereits in der Emigration bereits von seinen sozialistischen Positionen gelöst, so trat er nun für eine "Westbindung, gleichzeitig für eine vermittelnde Rolle gen Osten" und für die Anerkennung der Gebietsverluste ein. (202f) Zunächst machte Mann jedoch die Erfahrung, dass Emigranten in Deutschland nicht gern gesehen waren, so wurde seine Berufung auf einen Professorenposten nach Kiel u.a. mit Begründung durch Prof. Otto Becker, der Vorgänger des Lehrstuhls, abgelehnt, sein Vater hätte sich durch "feindliche Propaganda" ausgezeichnet. Nach dem Tod des Vaters, der auch 1954 zumindest nach Europa an der Zürichsee bei Kilchberg zurückgekehrt war und dort bereits 1955 starb, scheiterte Mann auch in Heidelberg im Ringen um einen Lehrstuhl. Obwohl sich Jaspers, jetzt in Basel, für ihn eingesetzt hatte, scheiterte Mann vor allem am Dekan Georg Gadamer. (241) Daher ist es als großes Glück zu beschreiben, dass 1956 der Verleger Ullstein, angeregt durch Heinz Klüter, Interesse zeigte, das Mannsche Konzept einer Universalgeschichte umzusetzen. Golo Mann sollte es konzipieren, wobei Mann, auch aus seiner Erfahrung der Emigration heraus, nicht mehr europazentrisch und nicht politikgeschichtliche arbeiten wollte. Es sollte eine 10-bändige Geschichte der Menschheit entstehen, die auch genügend Raum für das Leben und die Kultur der Menschen enthält. (244) Die Reihe wurde mit über 3 Mio. verkauften Einzelbänden ein großer Erfolg. (248) Jetzt klappte es auch mit einem Lehrstuhl, zunächst für 2 Semster in Münster und dann ab 1960 in Stuttgart, wobei ihm trotz des Erfolges mit der folgenden 2-bändigen Deutschen Geschichte (Auflage 400.000 Hardcover udn 550.000 TB), die großen Universitäten wie Tübingen, Heidelberg oder Freiburg verschlossen blieben. Stuttgart war "nur" eine Technische Hochschule (TH).

Der 4. Abschnitt zeichnet die Höhepunkte und Krisen im Leben Golo Manns von 1959 bis 1971 nach, sofern man darunter seine öffentliche Wahrnehmung verstehen möchte. In seiner Rolle als Repräsentant der Emigranten wurde Mann durch viele öffentliche Auftritte bekannt, ebenso durch sein Werk der Deutschen Geschichte, das in viele Sprache übersetzt wurde und eine literarische Meisterleistung darstellte, gleichwohl in der Fachwelt als nicht wissenschaftliche genug galt. Manns historische Methodik zeichnete sich immer schärfer durch das Erzählen und durch die Übernationalität aus, was ihn sowohl in liberalen Kreisen als auch in konservativen Kreisen Kritik eintrug. 1964 gab es bei der Verleihung des Schillerpreises in Mannheim Protest von rechten Studenten wegen Manns Haltung zur Ostpolitik und 1968 bei der Büchnerpreisverleihung Kritik von links wegen vermeintlichem Antisemitismus. Dieser Vorwurf war letztlich aus einem Konflikt zwischen Adorno/ Horkheimer und Mann entstanden. Adorno und Horkheimer hatten die Berufung Manns nach Frankfurt verhindert, nach Ansicht Lahmes, weil Mann ihnen eine zu starke Persönlichkeit gewesen sei, und Mann hatte versucht, einen musiktheoretischen Aufsatz Adornos bekannt zu machen, in dem sich Adorno versucht hatte, den nationalsozialistischen Machthabern anzubiedern. Adorno wiederum konterte seinerseits mit einem Antisemitismusvorwurf gegen Golo Mann aufgrund dessen Vortrag "Über Antisemitismus". Ebenso wie der Streit mit Adorno, den Mann nachträglich als Lumpen bezeichnete und den Anfeindungen von rechts wegen seiner Ostpolitik, fällt in diesen Lebensabschnitt auch der Bruch mit Karl Jaspers, seinem Hochschullehrer und eine psychologische Krise, die Mann sein Professorenamt in Stuttgart aufgeben und sich ganz der Schriftstellerei widmen lässt.

Der 5. und letzte Abschnitt zeichnet Golo Manns spätere Jahre ab 1971 nach. Mit seiner literarisch-historischen Biographie über Wallenstein gelang Mann zunächst noch einmal ein großer Wurf, bis heute wird diese Biographie hoch gelobt, weil sie nicht nur das Biographische literarisch zugänglich macht, sondern darüber hinaus auch höchsten historischen Ansprüchen genügt. Während Mann sich Anfang der 70er noch in Brandts Ostpolitik widerfand und auch weiterhin der Sozialdemokratie die Stange hielt, so veränderte sich mit dem Alter seine politischen haltung nachhaltig. Im Wahlkampf von 1980 unterstützte Mann Franz Josef Strauß, der durch seine harte Haltung gegenüber dem Ostblock bekannt geworden ist, weshalb Mann bis heute auch wegen seiner erzählenden Historiographie als Konservativer gilt. (391 ff). Gleichwohl bezog Mann im Historikerstreit 1986/87 zur Einmaligkeit der NS-Verbrechen klar auf Seiten der Liberalen Stellung (403) und gehörte im Jahr 1989 zu den Skeptikern einer Wiedervereiunigung um Oskar Lafontaine. (433) Trotz oder gerade wegen seiner politischen Stellungnahmen kam trotz großer Pläne zu keinem weiteren großen Werk Manns mehr, was ihm schwer zu schaffen machte.

Das Buch schließt mit einem leicht bitteren Ende, da Golo Mann sein Vermögen nicht wie geplant in eine Stiftung eingebracht hat, sondern an die adoptierten Beck-Manns weitergab. Dadurch ist das Vermächtnis der Manns heute weit verteilt, sonfern es nicht vom Thomas-Mann-Arhciv wieder aufgekauft wurde.

Würdigung: Die Biographie Lahmes zeichnet quellensicher auf sehr eindringliche und überzeugende Art und Weise das Leben Golo Manns nach. Dabei wird sowohl die innere Zerissenheit Manns deutlich, hervorgerufen durch Weltkrieg, Exil und den übermächtigen, bekannten Schriftsteller-Vater, als auch das historisch-literarische Werk dieses großen Intellektuellen auf eindrücklichste Weise nachgezeichnet. Es zeigt sich, dass Golo Mann größer und freier im Denken war als es jede nachträgliche Zuschreibung heute glauben lassen möchte. So zeigt Lahme etwa, dass Golo Mann sich nicht nur 1985 für die Freilassung Rudolf Heß (431) einsetzte, was ihm Kritk eintrug, sondern auch für die Begnadigung des RAF-Terroristen Book eintrat. (432) Auch die historischen Studien Manns, die bis heute in er Geschichtswissenschaft kaum eine Rolle spielen, obwohl selbst Hans-Ulrich Wehler als Primus der Sozialgeschichtsschreibung offene Bewunderung für dessen historischen Weitsinn zeigte, von dem er viel gelernt habe. Vieles von dem, was Golo Mann nur ahnte, wurde durch spätere Forschung belegt. Dr. Tillmann Lahme ist für seine fundierte Arbeit daher sehr zu danken. Sie würdigt das Leben eines großen deutschen Intellektueln.

Denis Diderot 11:46, 7. Nov 2010 (CET)

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