Industriereportagen. Als Arbeiter in deutschen Großbetrieben

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Industriereportagen. Als Arbeiter in deutschen Großbetrieben
Autor(en): Günter Wallraff
Herausgeber:
Erscheinungsort: Köln
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag
Serie:
Erscheinungsjahr: 1991
Seitenanzahl: 143 Seiten
Originaltitel: -
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3462021435
ISBN-13/

EAN-Code:

978-3462021431
Schlagwörter: Investigativer Journalismus
Sachgebiete: Sachbuch
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Das Buch sammelt 13 frühe Industriereportagen von Günter Wallraff aus den Jahren 1963 bis 1965. Berühmt geworden ist Walraff vor allem durch seine beiden Bücher Ganz unten und Der Aufmacher. Der Mann, der bei Bild Hans Esser war, doch in diesen frühen Industriereportagen zeigt sich bereits jener investigativer Zug, der das Schreiben Wallraffs ausmacht.

Die Reportagen Walraffs bieten einen sehr authentischen Einblick in die industrielle Arbeitswelt Deutschlands zu Beginn der 60er Jahre. Walraff hatte unter immer neuer Identität bei den Fordwerken in Köln, auf der Werft bei Blohm & Voss in Hamburg, bei Siemens in München, im Stahlrohrwerk Plemperer in Paderborn und im Stahlrohrwerk "Sinter Zwo" in Duisburg bei Thyssen gearbeitet und von den heute teilweise nur noch als historisch zu bezeichnenden Arbeitsbedingungen berichtet.

So beschreibt Walraff "am Band" bei Ford den Druck, der das Band bei den Beschäftigten auslöst, die Arbeit immer in der gleichen Zeit zu erledigen. Anfänglich glaubt Walraff noch, das Band sei ja gar nicht so schnell, um dann jedoch die Erbarmungslosigkeit kennenzulernen, die einen etwa nach dem Gang auf die Toilette schnell in Bereiche anderer Kollegen abtreiben lässt, man habe ständig das Gefühl, gegen einen unsichtbaren Strom arbeiten zu müssen. "Das Band frißt Menschen und spuckt Autos aus" zitiert er einen Werkstudenten. Walraff empfindet die Arbeit als so stupide, dass er versteht, warum moderne Arbeiter am Fließband selbst am Abend einfach nur noch in einer "Freizeitunmöglichkeit" (21) enden. Daher gibt es unter den Arbeitern auch kaum noch Solidarität wie in früheren Zeiten, im Gegenteil, oft kennt man sich nicht einmal mehr namentlich.

Fast noch erbarmungsloser empfindet Wallraff das Arbeiten auf der Werft. Dort gibt es Angestelltentoiletten und Arbeiterklos, auf denen die Türen ausgehängt sind, damit man sich nicht auf der Toilette vor der Arbeit verstecken kann. (40) Auch die Arbeitszeiten klingen aus heutiger Sicht unmenschlich: Bei Blohm & Voss werden durchschnittlich 57 Stunden die Woche trotz 41-Stundenwoche gearbeitet und der Vorarbeiter erwartet noch Samstags- und/ oder Sonntagsarbeit, damit man seinen Job nicht verliert. (42)

Ähnlich ermüdend und erschöpfend wie die Arbeit am Band bei Ford in Köln ist die Arbeit im Akkord bei Siemens in München, Wallraff muss hier Plättchen feilen und erhält zusätzlichen Lohn pro gefeiltem Plättchen; diese Form der Arbeit bezeichnet er als "Beschäftigungstherapie für Schwachsinnige" (50) und niemand wundert sich darüber, dass er nach sechs Wochen den Job nicht mehr weitermacht. Denn kaum jemand bleibt länger dabei.

Die längste Beschreibung ist dem Stahlrohrwerk "Sinter Zwo" von Thyssen gewidmet, in dem Stahlrohre über Sinterungs-Verfahren hergestellt werden. Wallraffs Aufgabe ist das Entfernen des allgegenwärtigen Staubs, der auch die Menschen "sintert" (108), Wallraff beschreibt die unmenschlichen Arbeitsumgebungen wie folgt: "In der Fabrik gibt es keinen Morgen, keinen Mittag und keinen Abend. Hier ist immer Nacht. Eine Nacht, auf die kein Tag folgt, neonerhellt." (77) Und auch hier konstatieren die Arbeiter: "Ja, das ist komisch, richtige Kumpels wie früher haste hier nicht. Das liegt an der verfluchten Anlage." (79)

Nach den Veröffentlichungen dieser Berichte gab es in deutschen Industriebetrieben Steckbriefe über Wallraff, die vor einer Einstellung seiner Person warnen sollten.

Denis Diderot 18:51, 21. Mär 2010 (CET)

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