Inside WikiLeaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Inside WikiLeaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt
Autor(en): Daniel Domscheit-Berg, Tina Klopp
Herausgeber:
Erscheinungsort: Berlin
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Serie:
Erscheinungsjahr: 2011
Seitenanzahl: 304 Seiten
Originaltitel: -
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3430201217
ISBN-13/

EAN-Code:

978-3430201216
Schlagwörter: Wikileaks, Datenschutz, Politik
Sachgebiete: Sachbuch
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Daniel Domscheit-Berg, der von 2007 bis 2010 als "Pressesprecher" von Wikileaks Deutschland galt, beschreibt in seinem autobiographisch geprägten Erinnerungen oft anekdotisch die frühe Zeit bei Wikileaks.

Seiner Erzählung nach bestand Wikileaks anfänglich nur aus Julian Assange, ihm und 2 Technikern, die die Systeme am laufen hielten (129). Die Frühzeit von Wikileaks beschreibt er vor allem als eine der Hacker-Kultur angemessene chaotisch-nomadische Zeit, in der man von Konferenz zu Konferenz fuhr, die technische Infrastruktur ohne viel Geld zum Start brachte und von einer "Einreichung" zur nächsten immer bekannter wurde. So behandelt Daniel Domscheit-Berg folgende Einreichungen bzw. "Leaks", die in seine Zeit bei der Organisation fielen. Oft streift der Autor die Fälle jedoch nur am Rande, da ihn eher die Vorgänge hinter den Kulissen interessieren, dennoch ist alleine die Liste der Leaks beeindruckend:


  • Julius Bär, 24ff
  • David Irving, 34 ff
  • Scientology, 41 ff
  • Toll Collect, 52 f
  • Kundus, 54
  • Sarah Palin, 55
  • ein deutscher Pharmakonzern, 56
  • Pagernachrichten vom 9.11.2001, 57
  • Human Terrain Report, 58
  • private Krankenkassen, Brüderle, 58 f
  • CRS-Report, 58
  • Odinga, 60
  • Kosovo, 63
  • IP-Bereiche des BND, 63/64
  • eigene Spenderliste, 68
  • Auftragsmorde der Kenianischen Polizei, 76
  • Freddy Balzan, Chavez, 87
  • Webfilterlisten, 97
  • Kaupthing Bank, 113
  • Collateral Murder Video, 133, 157 ff
  • Cables, 167
  • Studentenverbindungsbücher, 169
  • Field Manuals, 177
  • Afghanistan, 181
  • Duisburger Loveparade, 206
  • NPD-Mailverkehr, 207
  • Irakkrieg, 246
  • US-Depeschen, 255


Daniel Domscheit-Berg zeigt überdies die geistigen Grundlagen auf, auf denen die Idee von Wikileaks gründen. Domscheit-Berg, der selbst Mitglied des CCC ist bzw. in den Berliner Clubräumen verkehrt, bezeichnet etwa die anarchistische Schrift Proudhons "Eigentum ist Diebstahl" als das bedeutenste Werk, das je geschrieben wurde. Assange etwa ist stark von den Schriften des Mathematikers und Philosophen Solschenizins, der durch seine Beschreibung des Archipel Gulags bekannt wurde, beeinflusst und von dem Science-Fiktion-Roman Cryptonomicum von Neil Stephenson, in dem ua. auch ein Datenfreihafen beschrieben wird. Einen solchen Daten- bzw. Pressefreihafen wollten der Autor und Assange in Island aufbauen, wo sie zusammen bei der Gründung der IMMI-Initiative mitwirkten. (116) In Island wurden Assange und Domscheit-Berg nach eigener Aussage als Helden gefeiert, nachdem sie dort Dokumente über die Profiteure der isländischen Finanzkrise veröffentlicht hatten. Hier träumten sie auch davon, Wikileaks zur "aggresivsten Presseorganisation der Welt" zu machen.

Domscheit-Berg geht auch auf die Mechanismen der Macht ein, die er in den 3 Jahren sehr genau kennenlernte. So ist die Selbstaufwertung durch Geheimnisweitergabe an die Presse (200) eine wichtige Motivation und Antrieb des Menschen, die aber zugleich auch die Grundlage für das Problem von Wikileaks geschaffen hat. Daher liegen auch die Gründe für das Auseinandergehen von Assange und ihm viel in dieser Problematik begründet. Assange hielt Domscheit-Berg vor, es würde ihm selbst um Ansehen und Geld (194) gehen und er würde versuchen, ihm die Rolle des Gründers von Wikileaks streitig zu machen. Domscheit-Berg war aber auch über die zunehmende Paranoia Assanges und die Übernahme von Duktus und Sprache ihrer "Gegner", der Militärs (203), entsetzt. Assange hatte zwar immer schon seine Eigenarten im Zusammenleben, aber der zunehemde Verfolgungsdruck und der Erfolg habe gepaart mit seinen diktatorischen Allmachtsphantasien zwangsläufig zum Bruch führen müssen. Neben diesen persönlichen Problemen wurde vor allem ab 2009 für Domscheit-Berg zum Problem, dass sich Wikileaks immer weniger an seine eigener Prinzipien hielt. Z.B. sollte es bei einem Upload von vermeintlichen Geheimdokumenten immer auch eine Echtheitsprüfung geben, was die wenigen Mitstreiter jedoch kaum leisten konnten. In Wirklichkeit gab es nur eine mehr oder weniger gute Plausibilitätsprüfung der Dokumente (218). Auch das Prinzip, dass die Dokumente nach der Reihenfolge ihres Eingangs publiziert werden sollten, wurde genauso geopfert wie die Verpflichtung zur Neutralität, nachdem man hochgeladene Videos schon 2009 redaktionell bearbeitet hatte.

Ein Kardinalproblem sieht Domscheit-Berg mitlerweile auch darin, dass Wikileaks in die Abhängigkeit der ausgewählten Medienpartner geraten sei, die man aus Gründen der professionellen Bearbeitung der Dokumente jedoch benötigte (220). Domscheit-Berg verteidigt auch im Rückblick noch einmal die Forderungen nach Transparenz. Aus seiner Sicht war es richtig, geheime Dokumente zu veröffentlichen und auch die wegen ihrer Belanglosigkeiten viel kritisierten US-Depeschen, seien entgegen anderslautender Aussagen durchaus von großem Belang. (267) Mit den Erkenntnissen aus seiner Zeit bei Wikileaks hat Domscheit-Berg mittlerweile das Konzept Open Leaks entwickelt. Er möchte damit eine reine technische Plattform für den Upload geheimer Dokumente bereitstellen und "empfangen und veröffentlichen" (272) voneinander trennen. Das Veröffentlichen soll dabei in professionelle Hände kommen, darunter Medien, NGOs und Gewerkschaften. Dabei soll der Hochlader entscheiden können, wer das Material sichten können soll.

Bewertung: Das Buch ist deutlich interessanter als es die Besprechungen, die bisher erschienen sind, vermuten lassen. Es ist keine billige Abrechnung eines Aussteigers, auch wenn es ift nahe an einer Abrechnung mit Assange dran ist, sondern die kritische Auseinandersetzung mit einem Projekt, dass die thermonukleare Kraft der Digitalisierung unserer Gesellschaft wie kein zweites aufzeigt. Wenn erst einmal alles digitalisiert wurde, gibt es keine Geheimnisse mehr, weil alles auf Knopfdruck digitalisiert werden kann. Auch die Einblicke in das moderne anarchistische Hackerleben Domscheit-Bergs ist durchaus interessant, auch wenn viele seiner Überzeugungen gerne etwas mehr Selbstkritik vertragen hätten. Am Ende kommt Domscheit-Berg kaum über die naiven Überzeugen hinaus, dass man mit Aufklärung der Bevölkerung und etwas Schnick-Schnack-Schnuck (276) die Probleme der Gesellschaft schon lösen könne. Auch fehlt jegliche Diskussion darüber, was in einer Gesellschaft denn privat und geheim sein soll und was öffentlich und nicht geheim sein sollte, denn die Devise "private Daten schützen, öffentliche Daten nützen" ist nur so gut, wie die Trennlinie von einem zum anderen klar ist. Schade ist auch sehr, dass Domscheit-Berg nicht mehr auf die einzelnen Leaks und Fälle eingegangen ist, die er in all der Zeit erlebt hat. Oft bleiben nur einige wenige Zeilen, um komplexe Sachverhalte zu beschreiben. Auch über interessante Details, z.B. wie der Dead Man Switch von wikileaks genau funktioniert, hätte man gerne mehr erfahren. (197) das konzept von open leaks versucht die probleme von wikileaks technisch-infrastrukturell zu umgehen, was sicher sinnvoll ist, beantwortet diese fragen jedoch genausowenig wie die frage, warum man daten denn nur an NGOs und Medien hochladen können soll und nicht zB auch an staatliche stellen, zB bei steuerhinterziehung an die Staatsanwaltschaften? Und was das für eine Gesellschaft bedeutet, wenn die digitale denunziation zum volkssport würde, lässt der bericht offen. denn es stellt sich doch die frage, warum man nur staatliche stellen "jagen" sollte. medien, NGOs und gewerkschaften haben genauso ihre geheimnisse wie der ehebrecher und es gibt immer "gute" gründe, diese geheimnisse zu haben oder zu brechen. ohne regeln, die das eine vom anderen trennen, wird man trotz aller anarchistischen rhetorik nicht auskommen.


Autor: Denis Diderot 22:04, 24. Jun 2011 (CEST)

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