Nerd Attack!. Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Nerd Attack!. Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook
Autor(en): Christian Stöcker
Herausgeber:
Erscheinungsort: München
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Serie:
Erscheinungsjahr: 2011
Seitenanzahl: 320 Seiten
Originaltitel: '
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3421045097
ISBN-13/

EAN-Code:

978-3421045096
Schlagwörter: C-64, Twitter, Napster
Sachgebiete: Computergeschichte
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Der deutsche Journalist Christian Stöcker hat mit seinem Buch Nerd Attack eine Geschichte der digitalen Entwicklung von den 80ern bis heute vorgelegt, die in Teilen autobiographisch geprägt ist. Stöcker vertritt in dem Buch die Meinung, dass viele Entwicklungen von heute bereits in den 80er-Jahren durch den großen Erfolg des C-64 und die Herausbildung der Hacker-Kultur mit einer eigenen Hacker-Ethik angelegt gewesen seien.

Zunächst beschreibt Stöcker die Erfahrungen einer ganzen Generation mit dem C-64. Einen C-64 bekam man von seinen Eltern damals vor allem durch die Begründung, dass der Computer ja so hilfreich beim Hausaufgaben machen sei. Tatsächlich wurde jedoch sehr viel mit dem Computer gespielt und die Spiele wurden untereinander teils nächtelang getauscht, so dass bald Jeder jedes Spiel besaß, darunter aber praktisch keine Originale. Dabei konnten die damaligen Jugendlichen und Kinder fast unter Ausschluss der Eltern und der Öffentlichkeit agieren, weil die Themen Copyright und die Gefahren durch Rechnernetze noch nicht auf der Tagesordnung standen, allen voran nicht in der Bundesrepublik. So konnte sich richtiggehend eine Szene herausbilden, in der sich sogenannte Cracker-Gruppen bildeten, deren Namen wie German Cracking Group oder EagleSoft Incorporated (ESI) den Angehörigen dieser Generation bis heute geläufig sind. (33f)

Aber auch die Entwicklungen aus dem Phone-Hacking, also dem kostenlosen Aneignen von Telekommunikationsdienstleistungen und der entstehenden Mailbox-Szene, die zur Formung dieser Hacker-Ethik beitrugen, legten eine Grundlage für spätere Entwicklugnen, die kaum zu unterschätzen ist. Das Buch von Steven Levy "Hackers" mit der in ihr beschriebenen Ethik ist hier ebenso wie die Gründung des Chaos-Computer-Clubs u.a. durch Wau Holland zu nennen, der die Hacker-Ethik noch um die spezielle deutsche Datenschutz-Sicht ("Private Daten schützen, öffentliche Daten nützten") erweiterte. Und genauso wie diese Hacker-Ethik beeinflusste die damals eher belächelte Science-Fiction-Literatur mit Büchern wie Per Anhalter durch die Galaxis, Neuromancer oder Der Schockwellenreiter eine ganze Generation und damit die heutigen Entwicklungen der digitalen Welt. Aus heutiger Sicht waren diese Science-Fiction-Klassiker sehr gute Vorhersagen von dem, was für uns heute selbstverständlich erscheint.

Erst 1985 mit der Verhaftung des aus Hannover stammenden Karl Kochs, der zum Umkreis des Chaos Computer Clubs gehörte, wurde der deutschen Öffentlichkeit so langsam bewusst, welche Möglichkeiten und damit auch Gefahren im Computer stecken können. (78) In Amerika kam es 1989 zu einem netzwerkbasierten Einbruch bei Apple, bei dem Source-Code gestohlen wurde. Die Folge waren zum Teil überharte Verfolgungen der frühen Hacker-Szene durch das FBI, was zur Gründung der Free Software Foundation durch John Perry Barlow als Schutzgemeinschaft (108) führte. Dieser Antagonismus zwischen den Möglichkeiten und den Bedürfnissen der Hacker auf der einen Seite und den Gefahren und dem Schutzbedürfnis der etablierten Gesellschaft legten den Grundstein für alle weiteren Konflikte, die sich in den Folgejahren ihre Bahn brachen.

Sehr eindrücklich beschreibt Stöcker wie 2001 mit Napster der Konflikt einem ersten Höhepunkt zusteuerte. (178 ff) Denn für viele und auch für Stöcker selbst war Napster eine Offenbarung. Durch die Installation einer kleinen Software und ausgestattet mit einem Breitbandanschluss hatte man auf einmal Zugriff auf praktisch jedes erdenkliche Musikstück und konnte sich obendrein mit anderen Nutzern vernetzen und Musikdaten tauschen, die ähnliche Interessen hatten. Napster war für viele, die daran Anteil hatten, ein großes Glücksgefühl, für das man obendrein wie beim C-64 nichts zu zahlen hatte. Selbstverständlich blieb der Erfolg von Napster nicht ohne Gegenwehr, bis heute kämpft die Musikindustrie gegen die Folgen diese Diebstahls von geistigem Eigentum in einer bisher ungekannten Dimension. Auch für Stöcker ist es dabei unerklärlich, warum die Musikindistrie nicht mit innovativen Konzepten auf die Herausforderung antwortete, sondern nur eine juristische Gegenwehr aufbaute. Erst Steve Jobs konnte mit seinem itunes-store hier entscheidende Gelängegewinne für ein bezahltes Musikangebot erwirken, aber zu dem Preis für die Musikindustrie, dass Apple - aus Stöckers Sicht unnötigerweise - hier die Preise diktiert.

Interessant ist auch die Sicht Stöckers zu Counter-Strike, das als freier Klon des Half-Live-Spiels startete und ungeheuer erfolgreich wurde. Die Eigentümer des Spiels gingen aus Stöckers Sicht vorbildhaft mit dieser Bedrohung für ihr Geschäftsmodell um, indem sie Counter-Strike einbanden und nicht bekämpften. (156) Stöcker geht an dieser Stelle auch gegen die weit verbreitete Meinung vor, dass Computerspiele für Amokläufe wie in Columbine verantwortlich seien. Auch die Kritiken von Jaron Lanier, Andrew Keen, Frank Schirrmacher, Nicholas Carr oder Bill Keller an der Digitalisierung und ihrer Folgen möchte Stöcker nicht gelten lassen. Diese Autoren hatten sich in der Vergagenheit auf die ein oder andere Weise kritisch mit den Folgen der Digitalisierung auseinandergesetzt, die Stöcker aber so nicht gelten lassen möchte. Für ihn steckt in der modernen digitalen Welt eine große Kraft, die es zu nutzen gilt, und er betrachtet es eher als Problem, dass unsere Welt von heute immer noch von Menschen regiert wird, die nicht wissen, was ein Browser ist.

  • Bewertung:* Wer der Generation von Stöcker angehört, teilt viele der Erfahrungen und Empfindungen, die Stöcker in beispiellos anschaulicher Weise beschreibt. Mit den Kritikern der Digitalisierung, die uns durchaus in geeigneter Weise den Spiegel vorhalten können, geht Stöcker jedoch eine Spur zu lieblos um. Dennoch: Absolut lesenswert! In Teilen wurde das Buch auch bereits auf Spiegel online veröffentlicht.

Denis Diderot 10:28, 28. Jan 2012 (CET)

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