Planet der Slums

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Planet der Slums
Autor(en): Mike Davis
Herausgeber:
Erscheinungsort: Berlin
Verlag: Assoziation A
Serie:
Erscheinungsjahr: 2007
Seitenanzahl: 247 Seiten
Originaltitel: -
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3935936567
ISBN-13/

EAN-Code:

978-3935936569
Schlagwörter: Dritte Welt, Slums, Kolonialismus, Weltbank
Sachgebiete: Sozialwissenschaft
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Der Soziologe und Historiker Mike Davis, der durch seine kalifornische Stadtsoziologie (City of Quartz. Ausgrabungen der Zukunft in Los Angeles) und durch seine historischen Studien zur Dritten Welt bekannt geworden ist (Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter) unternimmt in seinem Buch zur Wirklichkeit der Slums in der Dritten Welt den Versuch, die historischen Ursachen der Slumentstehung nachzuzeichnen, die Lebenswirklichkeit in den Slums selbst zu beschreiben, die vielfach gescheiterten Versuche zum Umgang mit Slums zu beschreiben und schließlich auch einen Ausblick auf die Zukunft von Slums und der Welt, in der sie existieren, zu geben.

Die Studie glänzt dabei durch einen enormen Detailreichtum. Mike Davis beginnt mit einer ganzen Reihe von Zahlen. So leben im Jahr 2007 wahrscheinlich zum ersten mal in der Geschichte der Menschheit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. (7) Gab es 1950 erst 86 Millionenstädte, so sind es heute über 400 und 2015 werden es 550 sein (8), wobei immer mehr Städte einfach ineinanderwachsen wie z.B. Sao Paulo und Rio de Janeiro. Erste Städte haben bereits mehr als 20 Mio. Einwohner wie z.B Mexiko-Stadt, Seoul-Injon, New York und Sao Paulo. Alleine in China gibt es 166 Städte mit mehr als 1 Mio. Einwohnern.

Davis führt weitere Zahlen an: 2050 werden aller Voraussicht nach 10 Milliarden Menschen auf der Erde wohnen, wobei 95% davon in der Dritten Welt wird leben müssen. Manches Städtewachstum nimmt gar unglaubliche Ausmaße an. In Afrika wuchs z.B. Lagos von 300.000 Einwohnern um 1950 zu heute (2007) 13,5 Mio. Einwohnern an. (13) Der allergrößte Teil dieses Wachstums geht dabei auf die Entstehung und chaotische Ausdehnung von Slums zurück. 2015 werden in Afrika 332 Millionen Menschen in Slums leben, dieser Wert soll sich alle 15 Jahre verdoppeln. (23) Nach eher konservativen Zählungen der UN lebten 2005 1 Milliarde Menschen in Slums, was in etwa der Weltbevölkerung von 1840 entspricht. (28) In manchen Staaten leben 75% der Bevölkerung in Slums wie in Nigeria, Pakistan, Tansania, Äthiopien oder im Sudan. Wahrscheinlich gibt es weltweit 200.000 Slums.

Erste Slums gab es bereits im 19. Jahrhundert in London und Neapel, in Rio de Janeiro entstand der erste Slum bereits 1880, aber die eigentliche Ausbreitung der Slums begann erst in der 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Hatte der Kolonialismus noch streng darauf geachtet, dass keine Städte in ihren Kolonien entstanden, weil man davon Widerstand befürchtete (56ff.), so begann der massenhafte Zuzug in die Städte mit dem Ende des Kolonialismus in den 60er Jahren. In den 70er Jahren begann dann die hauptsächlich von IWF und Weltbank (McNamarra) angestossenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Slums durch private Investoren und Eigeninitiative (78 ff.), ein Ansinnen, das anders als der soziale Wohnungsbau in Europa durch die Sozialdemokratie jedoch überhaupt nicht funktioniert hat, so Davis. Denn der Staat musste sich immer weiter zurückziehen und die Kredite der Weltbank kamen der Mittelschicht zugute, die in manchen Slums durch Vermietung von den ärmsten der Armen nun hohe Mieten eintreiben kann. (94)

Dabei sind die ökologischen und sozialen Bedingungen in den Slums immer gravierender. Mike Davis zieht hier Parallelen zu den Verhältnissen wie sie Engels für Manchester beschrieb. (145) Die Slumbewohner wohnen nicht nur wortwörtlich in der Scheiße, sondern nicht selten auch in total durch Umweltgifte zerstörten Gegenden. In Indien haben nur 17 von 3.700 Städte eine Abwasserreinigung (146) und Mika Davis zitiert die Liste Jeremy Seabrooks, in dem dieser die Umweltkatastrophen der Dritten Welt aufzeigt, bei denen es jährlich viele namenlose Opfer gibt.

Mike Davis fragt sich abschließend sehr zu Recht, wohin das alles führen soll. Seiner Meinung nach hat die 2. Welt mit dem Ende des Sozialismus aufgehört zu existieren und ohne den Widerstreit der Systeme gibt es auch für die 1. Welt keine Notwendigkeit mehr, das Elend in der Dritten Welt zu bekämpfen. Davis konstatiert jedoch gegen die postmarxistischen Spekulationen von Negri und Hardt (210), dass es keine empirischen Grundlagen für die These gibt, dass sich hier ein Herd neuer sozialer Bewegung ausbilden würde. Davis sieht eher chaotische, unregierbare urbane Zonen entstehen, die sich der von Repression geprägten Weltordnung widersetzen wie 1993 in Mogadischu, wo Slummilizen amerikanischen Eliteeinheiten empfindliche Verluste beibrachten. (212)

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