Staatsfeind WikiLeaks. Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Staatsfeind WikiLeaks. Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert
Autor(en): Marcel Rosenbach, Holger Stark
Herausgeber:
Erscheinungsort: München
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Serie:
Erscheinungsjahr: 2011
Seitenanzahl: 336 Seiten
Originaltitel: -
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3421045186
ISBN-13/

EAN-Code:

978-3421045188
Schlagwörter: Wikileaks, Datenschutz, Politik
Sachgebiete: Sachbuch
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Die beiden Spiegel-Redakteure Rosenbach und Stark beschreiben in ihrem Buch Staatsfeind Wikileaks die bisher kurze, aber umso dichtere Geschichte der Organisation und der Menschen hinter Wikileaks, die 2010 offiziell von den USA zum Staatsfeind erklärt worden ist.

Für die beiden Autoren liegen die geistigen Wurzeln von Wikileaks in der Aufklärung, der 68er-Bewegung und dem in den 80er Jahren entwickelten Hackerethos begründet, nach Aussage Julian Assanges möchte Wikileaks einmal "der mächtigste Geheimdienst der Welt werden, ein Geheimdienst des Volkes" (16), ein anderes mal jedoch sieht er sich in Konkurrenz zu klassischen Medien, die nur das berichten, was ihnen vorgesagt wird und möchte daher Island zu einer "Schweiz der Bytes" als sicheren Hafen für investigativen Journalismus ausbauen. (116) Politisch steht Julian Assange zwar dem Anarchismus und Liberalismus nahe, die beiden Autoren betonen jedoch, dass man Wikileaks und Julian Assange nicht verstanden habe, wenn man ihn als klassischen Linksradikalen ansehen. (108)

Aus der Frühgeschichte von Wikileaks haben die Autoren interessante Details recherchiert. So ist bei der Gründung von Wikileaks auch John Young beteiligt, ein Szeneaktivist, der bereits mit cryptome.org eine bekannte Whistleblower-Plattform betreibt. (60f) Als Wikileaks jedoch hohe Spendenziele nennt, trennt sich Young wieder von Wikileaks. Zudem hat Assange schon früh Kontakt zu Andrew Wilkie, einem ehemaligen australischen Geheimdienstmitarbeiter, der Dokumente über die fehlenden Massenvernichtungswaffen im Irak veröffentlichte. (64) Assange versucht weitere Mitsreiter unter bekannten Persönlichkeiten zu finden, etwa John Gilmore von der EFF oder Steven Aftergood von der Vereinigung amerikanischer Wissenschaftler, die beide jedoch skeptisch sind. Eine Unterstützung, zumindest in moralischer Hinsicht, findet Assange jedoch in Daniel Ellsberg, einem bekannten Whistleblower in den USA der 70er Jahre.

Wenig bekannt ist auch, dass ein Großteil der frühen geleakten Dokumente wahrscheinlich gar keine Einsendungen waren, sondern aus der Überwachung chinesischer Hacker im Tor-Netzwerk abgesaugt worden sind. (68) Diese Dokumente sind bis heute nicht vollständig veröffentlicht. Erst Ende 2006 geht die Webseite von Wikileaks online, der Upload von Dokumenten ist jedoch erst später und bis heute nach wie vor postalisch möglich, da eine postalische Aufgabe weitgehend anonym möglich ist. (82)

Die erste herausragende Publikation gelingt Wikileaks in Kenia, die direkten Einfluss auf den dortigen Wahlkampf hat. (80) An der Veröffentlichung eines vermeintlichen HIV-Berichts von Steve Jobs machen die beiden Journalisten jedoch aus ihrer Sicht klar, warum es kritisch ist, solche Dokumente ohne journalistische Begleitung und Standards zu veröffentlichen. (86f.)

Der große Durchbruch kam für Wikileaks 2010 durch das Collateral Murder Video, das die Tötung von 2 Reuters-Journalisten durch einen US-Kampfhubschrauber aus Sicht der Piloten zeigt. Es wurde jedoch von Wikileaks geschnitten und in Washington auf einer Pressekonferenz gezeigt, so dass sich Wikileaks spätestens hier von seiner neutralen Position verabschiedete und versuchte, journalistisch zu arbeiten. (120ff) Die Rezeption in den Medien war dann auch entsprechend verhalten.

Rosenbach und Stark beschreiben auch ausführlich das, was sie als den "größten Verrat in der Geschichte der USA" (131) bezeichnen. Begangen wurde er vermutlich von dem 1987 geborenen, homosexuellen Atheisten und Nerd Bradley Manning, der im amerikanischen Bible Belt aufwuchs und sich durch eine Karriere beim Militär als Nachrichtenanalyst den Traum von einem Collegebesuch ermöglichen wollte. Eingesetzt im Irak wurde er jedoch liebeskrank und verzweifelt, die Weitergabe von geheimen Material hatte aber durchaus auch politische Gründe, wie die beiden Spiegel-Redakteure aufzeigen. (140) Auf das Konto Mannings geht vermutlich das Collateral-Murder-Video, die Kriegstagebücher aus dem Irak und am bedeutensten die US-Depeschen, (147) die Manning selbst als "weltweite Anarchie im CSV-Format" (148) beschreibt. Die beiden Autoren zeigen auch auf, wie einfach das Herausschmuggeln der Daten aus dem besonders gesichertem SIRPnet war. USB-Sticks waren zwar beim Zutritt verboten, die Soldaten konnten sich aber CD zum Musikhören mitnehmen, Manning konnte so die Daten einfach auf eine wiederbeschreibbare CD kopieren und dann verschlüsselt übers Internet übetragen. (142)

Verraten wurde Manning durch Adriano Lamo, ein Ex-Hacker aus Kalifornien, der nach Angabe der Autoren unter einen schwachen Form des Autismus, dem "Asperger-Syndrom" (144), leidet. Ihm vertraute sich Manning im Chat an, obwohl er ihn kaum kannte. Lamo wiederum holt sich Rat von Freunden, die wiederum das FBI informierten, so dass Manning schon ein paar Tage später verhaftet werden konnte.

Während die Afghanistan-Kriegstagebücher von den Medien noch weitgehend kritisch begleitet wurden und die Verteidigungsline der USA aufgegriffen wurde, die Veröffentlichung enthalte nichts Neues und gefährde die in den Dokumenten genannten Personen und Quellen, kommt es bei den Irak-Kriegstagebüchern verstärkt zu US-kritischen Berichten. (223) Im von den USA unter fragwürdigen Gründen begonnen Irakkrieg, so zeigen es die Berichte, kamen über 100.000 Menschen ums Leben, davon über 90.000 Zivlisten. (218)

Während Wikileaks die Afghanistan- und Irakberichte noch vollständig veröffentlichte und Medien nur vorab Einsicht gewährte, wählt Wikileaks mit den US-Depeschen schließlich einen neuen Weg. Die US-Depeschen werden gar nicht vollständig veröffentlicht, sondern es gibt einige Medienpartner wie den Guardian und den Spiegel, die die Depeschen auswerten dürfen und darüber berichten dürfen. Nur nebenbei diffundieren die Depeschen auch an weitere Zeitungen wie die New York Times, die Assange wegen eines kritischen Portraits zunächst ausgeschlossen hatte. (230) Mit dem Veröffentlichungsmodus wird Wikileaks so endgültig von einer anarchistischen zu einer regulären Medienorganisation. (306)

Mit der Veröffentlichung der US-Depeschen wurde auch die Gangart der USA gegenüber der Plattform schärfer, es wurden nicht nur die Veröffentlichungswege abgeklemmt (everydns.org), sondern auch die Finanzierungswege (Visa, Masteracard) und die Zugänge der Kongressbibliothek und einiger Ministerien auf die Depeschen gesperrt. (276) John Perry Barlow hatte das deshalb den ersten ernsthaften Info-War unserer Zeitrechnung genannt (277), zumal seine Befürworter mit dem Spiegeln und dem Angreifen der sperrenden Unternehmen zum Gegenangriff geblasen hatten (278).

Bewertung: Das Buch der beiden Spiegel-Autoren atmet eine aufgeregte Zeit, ist sehr gut recherchiert und spannend zu lesen, zudem ist die Auseiandersetzung der Autoren mit dem Phänomen Wikileaks spannend, da Wikileaks ja nicht nur Zuträger für Journalisten ist, sondern Journalismus auch als zu unkritisch darstellt. Es sei den Autoren vergönnt, dass sie an vielen Stellen die wichtige Aufgabe des Journalismus heraustreichen, solche Veröffentlichungen auch zu bewerten, am Ende wollen sie jedoch nicht genügend wahrhaben, dass sich eine Organisation wie Wikileaks gegründet hat, um die viel zu starke Verkuppelung von Medien und Politik aufzubrechen. Die beiden Spiegel-Autoren zeichnen am Ende ein zu positives Bild der Rolle des Journalismus. (289) Sehr unterstützenswert ist dagegen die Ansicht, dass die sicherheitspolitischen Daumenschrauben nach dem 11. Septmember 2011 erst Plattformen wie Wikileaks notwendig gemacht hätten. Interessant sind überdies viele auch technische Details, die die Autoren recherchiert haben wie den Ursprung der ersten Leaks aus dem Tor-Netzwerk. Tiefere Fragen stellen sich jedoch bisweilen. So wäre schon interessant zu wissen, wie Mannings denn so viele Nachrichten kopieren konnte. Lagen die Berichte im Dateisystem einfach rum, wäre den Militärs auf jeden Fall eine Mitschuld am Datenabfluss zuzusprechen oder hatte Mannings etwa erweiterte Rechte auf Datenbankebene? Oder gibt es etwa Maßnahmen im Sirpnet, auffälliges Verhalten im internen Netz zu erkennen? Denn es gibt wohl keinen vorstellbaren Anwendungfall, in dem ein Nutzer, also hier der Nachrichtenanalyst, alle Nachrichten in einem System hätte kopieren müssen. Ein System aber, das so etwas zulässt, müsste man doch als mißbrauchsbegünstigend kritisieren. An solchen Stellen wäre kritischere Fragen der Autoren wünschenswert gewsesen.

Autor: Denis Diderot 23:32, 25. Mai 2011 (CEST)

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