Adressat unbekannt

Kressmann Taylor · 1939 · Briefroman


Das Werk
Deutscher Titel: Adressat unbekannt
Autor(en): Kressmann Taylor
Originaltitel: Address Unknown
Originalsprache: englisch
Erstveröffentlichung: 1939
Schlagwörter: Briefe, Freundschaft, Nationalsozialismus, Rache
Sachgebiete: Briefroman
Greifbare Ausgabe
Verlag: Hoffmann und Campe


Umfang dieser Ausgabe: 76 Seiten
ISBN: 9783455650136
Verweise


Adressat unbekannt ist der Briefroman von Kressmann Taylor, 1938 in der New Yorker Zeitschrift Story erschienen und 1939 als Buch bei Simon & Schuster. Die Autorin, eigentlich Kathrine, ließ auf Rat des Verlegers den Vornamen weg, weil ein Stoff über Deutschland und die Juden glaubwürdiger klinge, wenn kein Frauenname davorstehe. Der Band besteht aus wenigen Dutzend Seiten und aus nichts als Briefen zwischen San Francisco und München. Er erzählt, wie eine Freundschaft unter dem Nationalsozialismus zerbricht und wie die Post, die das Reich kontrolliert, zur Waffe wird. Die deutsche Übersetzung von Dorothee Böhm, lange nach dem Krieg, hat dem schmalen Buch hierzulande erst das Publikum gegeben, das es in Amerika schon 1938 fand.

Inhalt

Max Eisenstein und Martin Schulse führen in San Francisco eine Kunstgalerie. 1932 kehrt Martin mit Frau und Kindern nach München zurück, Max bleibt und betreibt das Geschäft weiter. Die ersten Briefe sind herzlich: Martin beschreibt das Land, das er wiederhat, Max schickt Nachrichten aus Kalifornien und Sorgen um die Geschäfte. Dann ändert sich der Ton. Martin, anfangs noch distanziert gegenüber Hitler, findet Worte für die neue Ordnung, spricht von Wiedergeburt und vom Volk, das endlich weiß, wohin es gehört. Er erhält einen Posten, der Ansehen und Geld verspricht. Max antwortet ungläubig, dann verletzt, dann mit der Bitte, die Freundschaft möge die Politik überstehen. Martin erklärt, die Verbindung zu einem Juden sei fortan eine Last; die Briefe würden geöffnet, das Amt frage nach.

Maxens Schwester Griselle, Schauspielerin, einst mit Martin liiert, ist in Deutschland. Ein Brief an sie kommt mit dem Vermerk zurück, der dem Buch den Titel gibt: Adressat unbekannt. Max fleht Martin an, der Frau zu helfen, die vor der SA flieht. Martin schreibt kühl, was geschehen ist: Griselle hat an seiner Tür geklopft, er hat sie nicht eingelassen, die Verfolger haben sie auf dem Grundstück erschlagen. Weitere Korrespondenz sei unerwünscht, sie schade der Karriere. Max schweigt nicht. Er schreibt wieder, in der alten Freundlichkeit, aber so, als gäbe es eine geheime jüdische Verbindung, als sei Martin deren Mann in München. Die Zensur muss das lesen. Martin bittet, dann fleht er: Die Briefe gefährden Frau und Kinder, er schildert Lager und Verhöre, er beschwört die gemeinsame Vergangenheit. Max schreibt weiter.

Der letzte Brief, im Frühjahr 1934 aufgegeben, kommt ungelesen zurück. Wieder steht darauf: Adressat unbekannt. Was aus Martin geworden ist, sagt der Roman nicht in einem Satz des Erzählers, denn es gibt keinen Erzähler außerhalb der Briefe. Die Komposition genügt: Derselbe Stempel, der Griselles Verschwinden beglaubigt hat, beglaubigt nun Martins. Max hat die Schwester nicht retten können; er hat den Freund, der sie preisgab, dem Apparat überantwortet, den dieser Freund selbst bejaht hat. Die Rache bleibt im Rahmen der Form: Tinte, Umschlag, Zensur. Kein Gericht tritt auf, keine Moralpredigt. Die Postverwaltung des Reichs erledigt, was Max in Gang setzt.

Einordnung

Taylor hat 1938 geschrieben, nicht hinterher. Die Reichspogromnacht lag noch vor der Buchausgabe, und trotzdem kennt der Text bereits die Sprache, in der aus Kollegen Parteigenossen werden und aus einer Galerie ein Risiko. Der Briefroman braucht keine Innensicht: Jeder Satz ist an einen Adressaten gerichtet und damit schon verstellt, höflich, drohend oder verstellend. Gegenüber den großen Deutschlandromanen der Jahre, die Milieu und Masse ausbreiten, wirkt das Verfahren knapp bis zur Grausamkeit. Es steht näher bei einem Lehrstück als bei einem Gesellschaftspanorama, und gerade deshalb ist es in Schulen gelandet, wo man oft nur die Rache sieht und nicht die Kälte, mit der Martin Griselle sterben lässt, bevor Max den Hebel umlegt.

Die Verfilmung von 1944 und spätere Bühnenfassungen haben aus dem Briefwechsel ein Drama mit sichtbaren Körpern gemacht. Das Buch bleibt Papier. Elke Heidenreich hat der deutschen Ausgabe ein Nachwort gegeben, das den Band zur Pflichtlektüre erklären wollte; die Gefahr solcher Empfehlungen ist, dass aus der Falle ein Exempel wird. Taylor hat kein Exempel geschrieben, sondern eine Maschine aus Anrede und Absender. Wer nach 1933 über Freundschaft unter Deutschen und Juden spricht, kommt an diesen Seiten nicht vorbei; wer sie für eine bloße Rachegeschichte hält, hat Martins ersten Wandel nicht gelesen, nur den zweiten, den Max erzwingt.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler sind willkommen.

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