Am Ende der Gutenberg-Galaxis

Norbert Bolz · 1993 · Sachbuch, Medienwissenschaft


Das Werk
Deutscher Titel: Am Ende der Gutenberg-Galaxis
Autor(en): Norbert Bolz


Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 1993
Schlagwörter: Buchdruck, Medium, Kommunikation, Netz
Sachgebiete: Sachbuch, Medienwissenschaft
Greifbare Ausgabe
Verlag: Fink


Umfang dieser Ausgabe: 249 Seiten
ISBN: 9783770528714
Verweise


Am Ende der Gutenberg-Galaxis. Die neuen Kommunikationsverhältnisse ist die 1993 bei Wilhelm Fink in München erschienene medientheoretische Untersuchung von Norbert Bolz. Sie nimmt den Titel von Marshall McLuhans Die Gutenberg-Galaxis auf und behauptet, dieses Zeitalter sei vorbei: Nicht mehr das Buch ordnet Wahrnehmung, sondern das Netz der elektrischen und digitalen Kanäle. Bolz schreibt das als Theorie der neuen Verhältnisse, nicht als Nachruf auf das Lesen, und gerät dabei in die Nähe jener Prophetie, die McLuhan berühmt und angreifbar gemacht hatte – dreißig Jahre später, am deutschen Seminartisch, mit Computer und Fernsehen statt Druckerpresse.

Inhalt

Bolz beginnt bei McLuhan und holt ihn ins Jahr 1993. Die magischen Kanäle hatten gesagt, das Medium sei die Botschaft; die Galaxis des Buchdrucks hatte den westlichen Menschen vereinzelt, linear, innerlich gemacht. Was folgt, wenn diese Galaxis endet, ist bei Bolz keine Rückkehr in ein Dorf des Friedens, sondern eine Lage, in der Nachrichten gleichzeitig kommen, Aufmerksamkeit zur knappen Ware wird und das Buch seine Monopolstellung über Wissen und Öffentlichkeit verliert. Computer, Fernsehen, die vernetzte Schreibmaschine: Bolz beschreibt Verhältnisse, in denen Kommunikation nicht mehr bedeutet, einen gedachten Text an einen abwesenden Leser zu richten, sondern Anschlüsse zu schalten. Die Bibliothek hört auf, der selbstverständliche Ort des Wissens zu sein. Das ist Diagnose, nicht Klage über den Untergang der Bildung, auch wenn der Ton oft so klingt, als ginge mit dem Buch die Tiefe selbst verloren.

Das Buch ist essayistisch gebaut, mit Anleihen bei Systemtheorie, bei McLuhan, bei der deutschen Medienwissenschaft, die Friedrich Kittler härter, apparatischer führte. Bolz bleibt der Kommunikator: Er will verstanden werden und opfert dafür die philologische Geduld, mit der McLuhan Shakespeare und Scholastik zu Symptomen des Kanals machte. Dafür gewinnt er die Lage der frühen neunziger Jahre – Wiedervereinigung, Kabelfernsehen, der Rechner im Arbeitszimmer –, die McLuhan nicht mehr gesehen hat. Gegen die Hoffnung, digitale Netze demokratisierten das Wissen von selbst, hält Bolz die neue Unübersichtlichkeit: Wer alles senden kann, erzeugt Rauschen; wer das Rauschen filtert, hat die Macht, die früher der Verleger hatte. Die Gutenberg-Galaxis endet nicht, indem alle Autoren werden, sondern indem die Instanz verschwindet, die Verbindlichkeit verbürgte. Genau diese Stelle hat Bolz später, in politisch schärferen Büchern, zur Kulturkritik an der Gegenwart ausgebaut.

Der Band ist schmal, rund zweihundertfünfzig Seiten, ein Seminarbuch mit öffentlichem Anspruch. Er ist nicht McLuhans Galaxis und will es nicht sein: kein Mosaik langer Zitate, sondern eine deutsche Theorie der Anschlussfähigkeit. Kritik hat den Determinismus genannt, den Wechsel vom Buch zum Netz zu glatt, den Jargon der Systeme zu bereitwillig. Beides trifft. Der Gewinn liegt in der frühzeitigen Behauptung, dass die Krise des Buches keine Krise des Lesens allein sei, sondern ein Wechsel der gesellschaftlichen Synthese. Peter Sloterdijks Regeln für den Menschenpark hat wenige Jahre später die Humanität unter den Bedingungen der Züchtung und des Mediums neu befragt; Bolz bleibt näher am Kanal als an der Anthropotechnik. Wer den Titel mit McLuhans Band verwechselt, verfehlt dreißig Jahre und den deutschen Ton. Wer Bolz nur als Vorläufer seiner späteren Zeitungskommentare liest, unterschlägt, dass hier noch Theorie geschrieben wird, nicht schon die Polemik gegen den Zeitgeist.

Einordnung

1993 hat Bolz der deutschen Medienwissenschaft ein Stichwort gegeben, das McLuhans Galaxis beerbt, ohne sie zu wiederholen: Das Buchzeitalter endet nicht mit dem letzten Leser, sondern mit dem Verlust des Buches als Leitmedium der Öffentlichkeit. Kittler hat denselben Umbruch an Grammophon, Film und Typewriter härter an die Hardware gebunden; Bolz spricht von Verhältnissen, Anschlüssen, der knappen Aufmerksamkeit. Die Kommunikationsforschung las den Band als anregende Übertreibung, das Feuilleton als Vorrat an Formeln vom Ende der Gutenbergwelt, die seither inflationär wiederkehren. Die späteren, konservativer gefärbten Zeitdiagnosen des Autors haben den Seminartitel überlagert. Trotzdem bleibt die Unterscheidung nötig: McLuhans Die Gutenberg-Galaxis gründet das Fach als Wahrnehmungstheorie; Bolz schreibt ihr deutsches Nachspiel am Beginn der digitalen Netze. Wer nach 1993 über das Ende des Buchzeitalters spricht, spricht oft mit Bolz, auch wenn er McLuhan meint – und sollte die beiden Titel auseinanderhalten.

Essays

Dieses Buch kommt in diesen Essays vor.

Die Gutenberg-Galaxis in zehn Büchern (Wirkungsgeschichte)

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.