Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit

Johann Gottfried Herder · 1774 · Sachbuch, Ideengeschichte


Das Werk
Deutscher Titel: Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit
Autor(en): Johann Gottfried Herder


Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 1774
Schlagwörter: Epoche, Bildung, Fortschritt, Individualität
Sachgebiete: Sachbuch, Ideengeschichte
Greifbare Ausgabe
Verlag: Reclam


Umfang dieser Ausgabe: 192 Seiten
ISBN: 9783150142219
Verweise


Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit ist die 1774 erschienene geschichtsphilosophische Abhandlung von Johann Gottfried Herder. Der Titel ironisiert die Fortschrittsphilosophien des Jahrhunderts: auch eine, nicht die. Herder weist die skeptische Verachtung der Vergangenheit ebenso zurück wie die Auffassung, Geschichte sei ein steter Aufstieg, der in der Gegenwart gipfelt. Epochen sind ihm individuelle Gestalten von gleichem Rang, die man nicht mit fremdem Maß messen darf. Die Reclam-Ausgabe von Hans Dietrich Irmscher macht den feurigen Text wieder greifbar.

Inhalt

Herder schreibt gegen die Selbstzufriedenheit der Aufklärung, die frühere Zeiten als Kindheit oder Barbarei abtut, und gegen den Pessimismus, der in der Geschichte nur Verfall sieht. Er deutet Geschichte als organische Abfolge: Kindheit, Jugend, Mannesalter der Menschheit sind Bilder, nicht Beweise einer Rangordnung. Orientalische Frühzeit, Ägypten, Phönizien, Griechenland, Rom, das christliche Mittelalter und die neuere Staatlichkeit haben je ihr Glück, ihr Maß, ihre Tugend. Wer Griechenland zum ewigen Muster macht, verfehlt Ägypten; wer das achtzehnte Jahrhundert zum Ziel macht, verfehlt das Mittelalter. Liebe zur jeweiligen Gestalt ist die Bedingung historischer Erkenntnis.

Kontinuität und Veränderung gehören demselben Prozess. Herder naturalisiert die Geschichte, ohne sie zur Naturgesetzmaschine zu machen: Klima, Lebensweise, Überlieferung und Zufall wirken, und doch bleibt jede Epoche ein Ganzes. Das oft behauptete unvermittelte Gegenüber von Naturoptimismus und Geschichtspessimismus unterläuft er. Bildung der Menschheit heißt nicht Drill auf den gegenwärtigen Geschmack, sondern Entfaltung dessen, was in einem Volk und einer Zeit angelegt ist. Der Ton ist pamphletisch, bilderreich, gegen das eigene Jahrhundert gerichtet: Feuer und glühende Kohlen auf die Schädel unserer Zeit, hat man gesagt.

Das Buch nimmt Züge des späteren Historismus vorweg und bleibt selbst unsicher, wo die organischen Bilder zur Rangfolge werden. Kindheit und Reife suggerieren Ziel, auch wenn Herder Gleichwertigkeit behauptet. Die christliche Offenbarung behält einen Sonderplatz, den eine strenge Individualität der Epochen eigentlich nicht erlaubte. Die Bilder vom Lebensalter der Menschheit sind Hilfen der Anschauung, keine Naturgesetze, und Herder wechselt zwischen Gleichnis und Behauptung, ohne die Naht immer zu zeigen. Wer Herder zum bloßen Relativisten macht, verfehlt die Bildung, die er der Menschheit zumutet. Wer ihn zum Fortschrittsdenker macht, hat den Titel nicht ernst genommen. Die Schrift ist kurz und überladen; sie will ergreifen, nicht Tabelle sein.

Einordnung

Zusammen mit der Abhandlung über den Ursprung der Sprache bildet der Text das geschichtsphilosophische Gegenstück zur Sprachanthropologie: Völker haben Sprachen und Zeiten, nicht nur Vernunft. Der Historismus des neunzehnten Jahrhunderts hat die Gleichwertigkeit der Epochen übernommen und oft Herders Pathos weggelassen. Die Nationalbewegungen haben ihn als Ahnen beansprucht, manchmal gegen den Strich seiner Warnung vor dem Hochmut der Gegenwart. Die Schrift bleibt ein Pamphlet, kein Lehrbuch, und gerade darum hat sie die Geschichtsphilosophie umgestellt.

Neben Immanuel Kants geschichtsphilosophischen Aufsätzen, die auf einen republikanischen Horizont zielen, besteht Herder auf dem Recht des Gewesenen. Kant hat Herder scharf kritisiert; die Spannung gehört zur deutschen Spätaufklärung. Wer nach 1774 über Fortschritt spricht, als wäre die eigene Zeit die reife, spricht gegen dieses Buch. Wer jede Kritik am eigenen Jahrhundert als Verrat an der Aufklärung sieht, hat Herders Kohlen nicht gespürt.

Ideen

Dieses Buch hängt an diesen Zetteln.

Geschichte (wichtig)

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.