Das besessene Salem

Paul Boyer, Stephen Nissenbaum · 1974 · Sachbuch, Geschichte


Das Werk
Deutscher Titel: Das besessene Salem
Autor(en): Paul Boyer, Stephen Nissenbaum
Originaltitel: Salem Possessed. The Social Origins of Witchcraft
Originalsprache: englisch
Erstveröffentlichung: 1974
Schlagwörter: Hexerei, Gemeinde, Puritaner, Spaltung
Sachgebiete: Sachbuch, Geschichte
Greifbare Ausgabe
Verlag: Harvard University Press


Umfang dieser Ausgabe: 256 Seiten
ISBN: 9780674785267
Verweise


Das besessene Salem (englisch Salem Possessed. The Social Origins of Witchcraft) ist die 1974 bei Harvard University Press erschienene geschichtswissenschaftliche Studie von Paul Boyer und Stephen Nissenbaum über die Hexenprozesse von 1692 in Salem Village in Massachusetts. Die unmittelbare Dramatik – Mädchen in Krämpfen, strenge Richter, neunzehn Tote am Galgenhügel – hat, so die Autoren, ein Netz aus Leidenschaften verdeckt, das sich eine Generation lang spann. Eine deutsche Ausgabe fehlt; der Titel folgt dem englischen Possessed als Besessensein der Gemeinde, nicht nur der Angeklagten. Robin Briggs schrieb in der Times Literary Supplement, die Darstellung sei so vollständig, dass frühere Behandlungen auf den Speicher der Forschung könnten.

Inhalt

Boyer und Nissenbaum schreiben gegen die Isolierung der Prozesse als plötzlichen Ausbruch von Aberglauben und gegen die reine Dämonologie. Hexerei, so die Behauptung, hat soziale Ursprünge. Salem Village war keine einheitliche Gemeinde, sondern gespalten in Lager, die sich an Land, Abgaben, Pfarrhaus und der Nähe zur kaufmännischen Hafenstadt Salem entzündeten. Die Anklagen liefen nicht zufällig: sie folgten Linien des Streits, die sich in Steuerlisten, Kirchenbüchern und Bittschriften ablesen lassen. Die Männer und Frauen, die 1692 aufeinanderzeigten, hatten das Netz mitgeknüpft und fingen sich darin. Puritanismus, Landdruck und die Spannung einer neuenglischen Siedlung erklären mehr als der Teufel allein, ohne dass der Teufel deshalb zur Metapher verblasst: die Beteiligten glaubten, was sie sagten.

Die Behauptung stützt sich auf Quellen, die lange neben den Verhörprotokollen lagen. Boyer und Nissenbaum rekonstruieren Wohnorte, Besitz, Verwandtschaft und Parteinahmen für oder gegen den Pfarrer Samuel Parris. Ost und West des Villages, die am Handel orientierten und die auf dem Land verharrenden Haushalte, die Unterstützer und die Gegner des Pfarrers: daraus wird eine Geographie des Verdachts. Die gequälten Mädchen sind nicht das ganze Ereignis; sie machen sichtbar, was schon da war. Die Prozesse erscheinen als Verdichtung eines lokalen Kriegs um die Deutung der Gemeinde, nicht als Import aus Heinrich InstitorisDer Hexenhammer, so sehr die gelehrte Dämonologie die Sprache lieferte. New England wird durchsichtig als Ort, an dem fromme Ordnung und ökonomischer Wandel denselben Haushalt zerrten.

Unsicher wird die Studie, wo die Karte zur Ursache gerät. Spätere Forschung hat Anklagen gefunden, die dem Ost-West-Schema nicht folgen, und den Anteil theologischer Angst, indianischer Kriege und der Verfassungsmisere nach dem Sturz des Dominion of New England stärker gewichtet. Boyer und Nissenbaum wissen, dass Leidenschaft nicht in Steuerlisten aufgeht, und beharren darauf, ohne die Listen bleibe die Leidenschaft stumm. Die Gegenposition, es sei doch um den Teufel gegangen, nehmen sie ernst, indem sie den Glauben nicht wegerklären, aber an soziale Orte binden. Der Ton ist nüchtern, erzählend, frei von Spott über die Puritaner. Das Missverständnis wäre, Salem in Klassenkampf zu übersetzen; die Autoren schreiben Gemeindegeschichte.

Einordnung

Das Buch hat die amerikanische Hexenforschung umgestellt: weg vom Spektakel, hin zur Sozialgeschichte des Dorfes. Es steht neben der älteren ideengeschichtlichen Deutung und neben späteren kulturgeschichtlichen Arbeiten, die Körper, Geschlecht und indianische Grenze betonen. Nachbarschaft hat es zu Max Webers Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, ohne deren These zu wiederholen: der Puritaner erscheint hier als Nachbar im Streit um Land und Pfarre.

Die Aufnahme war außerordentlich; Briggs’ Satz vom Speicher der älteren Literatur wurde oft zitiert und später eingeschränkt. Geblieben ist die Einsicht, dass 1692 nicht vom Himmel fiel. Wer nach 1974 über Salem spricht, ohne die Spaltung des Villages, spricht hinter diesem Band vorbei. Die Harvard-Ausgabe hat die Karten und Listen festgesetzt; sie sind das eigentliche Argument.

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