Der englische Patient

Michael Ondaatje · 1992 · Roman


Das Werk
Deutscher Titel: Der englische Patient
Autor(en): Michael Ondaatje
Originaltitel: The English Patient
Originalsprache: englisch
Erstveröffentlichung: 1992
Schlagwörter: Wüste, Villa, Brand, Erinnerung
Sachgebiete: Roman
Greifbare Ausgabe
Verlag: Hanser


Umfang dieser Ausgabe: 384 Seiten
ISBN: 9783446286450
Verweise


Der englische Patient ist ein Roman von Michael Ondaatje, 1992 erschienen, im Jahr darauf mit dem Booker-Preis ausgezeichnet, deutsch bei Hanser in der Übersetzung von Adelheid Dormagen. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs liegen in einer zerschossenen Villa bei Florenz vier Menschen, die der Krieg zusammen- und auseinandergetrieben hat. Der Titel nennt den Verbrannten, den die anderen für einen Engländer halten und der in Wahrheit ein anderer ist. Ondaatje, in Sri Lanka geboren und in Kanada lebend, schreibt in Bildern und Sprüngen, nicht in gerader Chronik. Das Buch wurde durch Anthony Minghellas Film von 1996 weltbekannt, oft auf Kosten der stilleren Figuren des Romans.

Inhalt

Die kanadische Krankenschwester Hana bleibt in der Villa San Girolamo bei einem namenlosen Verbrannten, den sie den englischen Patienten nennt. Er liegt unter Morphium, zitiert Herodot, erinnert Wüstenwind und Koordinaten. Zu ihnen stößt David Caravaggio, Dieb und Verstümmelter, alter Bekannter von Hanas Vater, der in der Villa herausfinden will, wen er vor sich hat. Der vierte ist Kip Singh, indischer Pionier in britischen Diensten, der Minen entschärft und nachts auf dem Dach die Sterne sucht. Die Villa ist halb Ruine, die Gärten vermint, der Krieg weitergezogen und noch in jedem Gegenstand. Hana spielt Klavier, schneidet sich das Haar, pflegt den Verbrannten, als könne Pflege die Toten ersetzen, die sie verloren hat.

Der Patient erzählt, in Fetzen, von der Saharamission der dreißiger Jahre, von Karten, von Katharine Clifton, Frau eines Mitreisenden, und von einer Liebe, die in der Wüste begann und in einer Höhle endete. Sein Name ist László Almásy, Graf, Kartograph, kein Engländer; die Briten haben ihn für einen Spion gehalten, die Wüste hat ihn verbrannt, als er Katharine tot oder sterbend zurückließ und Hilfe suchte. Caravaggio kennt den Namen aus Nachrichtendiensten und lässt die Geschichte nicht als Romanze stehen: Almásy hat Karten und Wege geliefert, die der Krieg benutzt hat. Kip hört zu, arbeitet, schläft mit Hana, bleibt der Mann, dessen Kolonialreich dieselben Bomben wirft, die er entschärft. Die vier leben wie eine Familie auf Zeit, ohne denselben Feind und ohne denselben Schmerz.

Als die Atombomben auf Japan fallen, zerbricht, was die Villa zusammenhielt. Kip hört die Nachricht im Radio, sieht in den Bomben die Rasseordnung des Krieges und verlässt Hana, Europa, das Pflegebett. Caravaggio versteht mehr, als er sagt. Hana bleibt mit dem Toten und dem, der stirbt. Der Roman schließt nicht mit einer Rückkehr in den Frieden, sondern mit späteren Bildern: Kip als Arzt in Indien, Hana in Kanada, die Wüste als Erinnerung, die nicht heilt. Ondaatje flicht Listen, Historiensätze, den Herodot des Patienten, die Sikh-Rituale Kips, die Diebeskunst Caravaggios zu einem Gewebe, in dem niemand die Stimme der Wahrheit allein besitzt. Der englische Patient ist die Lüge, die Pflege möglich machte, und die Wahrheit, die Pflege nicht aufhebt.

Einordnung

Ondaatje hat den Kriegsroman von der Front weg in die Rekonvaleszenz verlegt und die Nation, für die gekämpft wurde, als Missverständnis entlarvt. Almásy, historisch an einen wirklichen Wüstenforscher angelehnt, wird zur Figur der Grenzenlosigkeit, die der Nationalstaat nicht duldet. Der Film hat Katharine und Almásy zum Paar der Wüste gemacht und Kip stark verkürzt; wer nur den Film kennt, kennt die halbe Villa. Der Booker-Preis und später die Auszeichnung als bester Booker der ersten fünfzig Jahre haben den Roman kanonisiert, ohne die Kritik an dieser Kanonisierung zu löschen: zu schön, zu männlich in der Wüstenliebe, zu hart gegen den Schluss, den der Film wärmer will.

Neben den großen Kriegsbüchern der neunziger Jahre steht Der englische Patient als lyrische Montage, näher bei der Erinnerungsprosa als bei der Schlachtordnung. Hanser hat den deutschen Text gehalten; die Taschenbuchausgabe macht ihn greifbar, ohne ihn zum bloßen Filmbuch zu machen. Wer nach Ondaatje über Wüste, Mine und Pflege spricht, spricht hinter diesem Band. Die Brücke zwischen den Toten und den Lebenden ist hier nicht Wilders Liebe als Sinn, sondern die Arbeit der Hände an einem Körper, der keinen Namen haben darf, damit man ihn halten kann.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.

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