Der neue Antisemitismus

Deborah Lipstadt · 2019 · Sachbuch, Politik


Das Werk
Deutscher Titel: Der neue Antisemitismus
Autor(en): Deborah Lipstadt
Originaltitel: Antisemitism: Here and Now
Originalsprache: englisch
Erstveröffentlichung: 2019
Schlagwörter: Judenhass, Vorurteil, Steigbügelhalter, Chronik
Sachgebiete: Sachbuch, Politik
Greifbare Ausgabe
Verlag: Berlin Verlag


Umfang dieser Ausgabe: 304 Seiten
ISBN: 9783827013408
Verweise


Der neue Antisemitismus (englisch Antisemitism: Here and Now) ist das 2019 bei Schocken in New York erschienene Sachbuch der Historikerin Deborah Lipstadt; die deutsche Übersetzung von Stephan Pauli lag Ende 2018 im Berlin Verlag schon vor. Lipstadt, die den Holocaustleugner David Irving vor Gericht besiegt hat, schreibt hier nicht die Geschichte des Judenhasses, sondern eine Chronik seiner jüngsten Formen in den Vereinigten Staaten und in Europa. Das Buch ist als Briefwechsel mit zwei erdachten Gesprächspartnern angelegt: einer Studentin und einem nichtjüdischen Rechtslehrer. Es zählt, weil es den Antisemitismus der Gegenwart weder der Rechten noch der Linken allein zuschlägt und weil es den Hass von der Tat der Gehassten löst.

Inhalt

Lipstadt schreibt gegen die Auskunft, Judenhass sei eine überschätzte Empfindlichkeit oder die verdiente Antwort auf israelische Politik. Antisemitismus ist, so der Kernsatz, nicht Hass auf Menschen, die zufällig Juden sind, sondern Hass auf sie, weil sie Juden sind. Er hängt nicht an einem Verhalten, das man abstellen könnte. Die Briefform soll Fragen aufnehmen, die Lipstadt wirklich gestellt wurden: Wo fängt er an? Wird er überbewertet? Wie antwortet man, ohne ihn zum einzigen Inhalt jüdischen Lebens zu machen? Die erdachten Figuren Abigail und Joe sind Stichwortgeber; hinter ihnen stehen Studenten und Kollegen. Lipstadt antwortet mit Beispielen seit der Jahrtausendwende, nicht mit einer geschlossenen Theorie der Vorurteilsforschung.

Die Behauptung entfaltet sich an einer Typologie. Den Extremisten, der offen hetzt, stellt sie den Steigbügelhalter zur Seite: jemand, der Juden nicht hassen muss und doch Sätze in Umlauf bringt, unter denen der Hass gedeiht. Donald Trumps Rede von internationalen Banken, die die Souveränität der Vereinigten Staaten zerstören wollten, greife das alte Bild des weltumspannenden Juden auf; Jeremy Corbyns Umgang mit Israelkritik habe den Staat der Juden als einzigartig teuflisch behandeln wollen und den Vorwurf des Antisemitismus als Kniff abgewehrt. Der ahnungslose Antisemit hat Stereotype verinnerlicht, ohne sie zu bemerken; der Salonantisemit wehrt sich gegen eine Synagoge im Viertel und beruft sich auf jüdische Freunde. Als Deckmantel dient oft der Kampf gegen sogenannte Weltfinanzmächte, deren Namen zufällig Soros, Yellen oder Blankfein lauten, oder ein Antizionismus, der Israel naziähnlicher Verbrechen zeiht und sich zugleich vom Judenhass lossagt. Lipstadt zeichnet Anschläge, Schändungen und öffentliche Streitfälle in Europa und den Vereinigten Staaten nach, bis zum Mai 2018; das Attentat von Pittsburgh lag danach.

Unsicher wird das Buch, wo die Briefform Belehrung wird und die Typen sich die Waage halten sollen. Kritiker warfen Lipstadt vor, Trump und Corbyn in eine Reihe zu stellen, als wäre die Gefahr links und rechts dieselbe Größe. Andere nannten den Dialog bemüht: die Figuren fragen naiv, die Autorin monologisiert. Dan Diner fragte, ob die wachsende Sichtbarkeit schon eine substantielle Zunahme sei, und behielt doch den Eindruck chronischer Beständigkeit des Ressentiments. Lipstadt selbst warnt davor, den Antisemitismus zum Eckstein jüdischer Identität zu machen; das Judentum sei nicht der Hass der anderen. Gegen Verbote auf dem Hochschulgelände hält sie an der Meinungsfreiheit fest, auch wo Bewegungen den jüdischen Staat als solchen bestreiten – eine Härte, die deutsche Debatten oft nicht teilen. Das Buch ist eine Chronik mit Rat, keine Begriffsgeschichte.

Einordnung

Neben älteren Handbüchern des Antisemitismus steht Lipstadts Band als Zeitstück: weniger Archiv als moralische Lupe auf das, was öffentlich gesagt und getan wird. Er gehört zu den Büchern, die nach den Anschlägen von Toulouse, Paris, Kopenhagen und Pittsburgh den alten Hass in neuen Kostümen zeigen, ohne ihn in »Kritik an Israel« aufzulösen. Die Stärke liegt in der Nüchternheit, mit der sie oft antwortet, es komme darauf an; die Schwäche in der Fiktion des Gesprächs, die den Stoff glättet. Jan Süselbeck vermisste die Schärfe, mit der andere den Antisemitismus als geschlossenes Weltdeutungssystem von gewöhnlichem Rassismus unterscheiden.

Geblieben ist die Unterscheidung von Täter, Steigbügelhalter und ahnungslosem Mitläufer. Wer nach 2018 über Judenhass in Demokratien spricht, ohne nur eine Seite des politischen Spektrums zu meinen, stößt auf dieses Buch. Die deutsche Ausgabe hat den belehrenden Atem bewahrt; er ist durch spätere Taten nicht widerlegt und durch die Form nicht leichter geworden. Lipstadt ist seither Beauftragte der amerikanischen Außenpolitik gegen Antisemitismus gewesen; das ändert nichts daran, dass der Text ein Archiv der Jahre vor Pittsburgh bleibt, nicht deren Abschluss.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.

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