Geschlecht und Charakter
| Das Werk | |
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| Deutscher Titel: | Geschlecht und Charakter |
| Autor(en): | Otto Weininger
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| Originalsprache: | deutsch |
| Erstveröffentlichung: | 1903 |
| Schlagwörter: | Männlichkeit, Weiblichkeit, Dualismus, Wertlehre |
| Sachgebiete: | Sachbuch, Philosophie |
| Greifbare Ausgabe | |
| Verlag: | Matthes & Seitz
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| Umfang dieser Ausgabe: | 667 Seiten |
| ISBN: | 9783882213126 |
| Verweise | |
Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung ist das 1903 in Wien erschienene Hauptwerk von Otto Weininger. Der dreiundzwanzigjährige Privatgelehrte erweiterte seine Dissertation um Kapitel über das Judentum, die Frau und die Menschheit und starb wenige Monate nach dem Erscheinen durch Selbstmord. Das Buch gilt als Dokument der Wiener Moderne und als eine der literarisch wirksamsten Fassungen von Frauenfeindlichkeit und Judenfeindlichkeit im deutschsprachigen Denken. Es ist keine Anleitung zur Verfolgung, aber eine Lehre, die Frauen und Juden den sittlichen Rang abspricht.
Inhalt
Weininger schreibt gegen die Frauenbewegung, gegen die Psychoanalyse Sigmund Freuds und gegen jede Gleichheit der Geschlechter, die ihm als Verwechslung von Typus und Einzelfall erscheint. Er behauptet, in jedem Lebewesen milche ein männlicher und ein weiblicher Anteil; reine Männlichkeit und reine Weiblichkeit gebe es nicht, nur Mischungen. Aus dieser Lehre der Bisexualität – der doppelten geschlechtlichen Anlage – folgt bei ihm kein Recht auf Abweichung, sondern die Forderung, das Weibliche im Mann und in der Frau zu überwinden. Der Mann steht für Geist, Wert, Persönlichkeit und Gott; die Frau, auch die Frau im Mann, für Trieb, Gattung und Nichts. Emanzipation erklärt er als Wirkung eines höheren männlichen Anteils in einzelnen Frauen, nicht als politisches Recht. Die Frauenbewegung will er abschaffen, das Frauenstudium als Mode denunzieren.
Die Behauptung entfaltet sich an einer Skala und an zwei Feindbildern, die er ineinander schiebt. Sexuelle Anziehung sei Ergänzung fehlender Anteile: ein überwiegend männlicher Mann suche eine überwiegend weibliche Frau. Schöpferische Arbeit, Logik, Genie und Staatlichkeit schreibt er allein dem Männlichen zu. Der Frau spricht er Ich, Seele, Moral und eigenes Denken ab; sie existiere erst, indem der Mann seine Sexualität bejahe, und verschwinde, wenn er sie verneine. Dasselbe Schema legt er auf das Judentum: er setzt es mit Weiblichkeit, Geschäft und Unwert gleich und stellt ihm das Christentum als absolute Verneinung gegenüber. Die Gegenwart nennt er die jüdischste und weibischste aller Zeiten. Die Sätze sind als Wesensaussagen geschrieben, nicht als Vorurteile, die man prüfen könnte; genau darin liegt ihre Schärfe und ihre Unredlichkeit.
Das Buch selbst gerät dort ins Wanken, wo es die eigene Angst eingesteht. Weininger notiert später, der Hass auf die Frau sei Hass auf die noch nicht überwundene eigene Sexualität; im Werk bleibt dieser Satz Rand. Die embryologischen und sprichwörtlichen Belege, auf die er sich stützt, waren schon 1903 lückenhaft; Gregor Mendels Vererbungslehre und die Chromosomen erwähnt er nicht. Jacques Le Rider hat gezeigt, dass die Bisexualitätstheorie ältere Forschung zitiert und neuere übergeht. Die psychiatrische Fachwelt hielt den Autor für krank, die philosophische für zweifelhaft, die literarische oft für genial. Das Missverhältnis zwischen Anspruch und Beweis ist kein Versehen, sondern die Form des Buches: eine dualistische Mythologie, die sich als Untersuchung ausgibt.
Einordnung
Die Wirkung war sofort und zwiespältig. Karl Kraus, August Strindberg, Elias Canetti, Georg Trakl und Ludwig Wittgenstein haben das Buch gelesen, angeeignet oder gegen den Strich genommen; Wittgenstein nannte Weininger großartig und verschroben. Freud las die Gleichsetzung von Frau und Jude als Neurose. Theodor Lessing erkannte darin jüdischen Selbsthass. Der Nationalsozialismus verbot das Werk, weil der Verfasser Jude war; im faschistischen Italien diente es gegen die Psychoanalyse. Die Neuauflage bei Matthes & Seitz 1980 hat den Traktat vom Handbuch der Frauenverachtung zum Dokument männlicher Angst umgedeutet, ohne die Lehre zu entschuldigen.
Neben Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht und Klaus Theweleits Männerphantasien gehört Weininger in die Geschichte der Geschlechtertheorie als Gegenstimme, die man kennen muss, um zu sehen, wogegen später geschrieben wurde. Wer die Dualismen Mann und Geist, Frau und Nichts, Christentum und Judentum für Wesenswahrheiten hält, spricht mit Weininger; wer sie als Konstruktion liest, spricht gegen ihn. Das Buch diente nicht als Handbuch der Verfolgung. Seine Sätze haben gleichwohl Ressentiment in den Rang einer Weltformel gehoben, und diese Formel hat in der österreichischen Literatur länger überlebt als in der Philosophie.
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