Prozess und Realität

Alfred North Whitehead · 1929 · Sachbuch, Philosophie


Das Werk
Deutscher Titel: Prozess und Realität
Autor(en): Alfred North Whitehead
Originaltitel: Process and Reality. An Essay in Cosmology
Originalsprache: englisch
Erstveröffentlichung: 1929
Schlagwörter: Prozess, Ereignis, Organismus, Kreativität
Sachgebiete: Sachbuch, Philosophie
Greifbare Ausgabe
Verlag: Suhrkamp


Umfang dieser Ausgabe: 665 Seiten
ISBN: 9783518282908
Verweise


Prozess und Realität. Entwurf einer Kosmologie ist das 1929 in New York erschienene Hauptwerk des britischen Mathematikers und Philosophen Alfred North Whitehead, hervorgegangen aus den Gifford Lectures 1927/28 in Edinburgh. Deutsch liegt es seit 1979 in der Übersetzung von Hans Günter Holl vor. Zusammen mit Wissenschaft und moderne Welt und Abenteuer der Ideen bildet es Whiteheads spekulativen Entwurf. Die Welt besteht danach nicht aus Substanzen und träger Materie, sondern aus elementaren, ineinandergegriffenen Prozessen und Relationen. Das ontologische Prinzip lautet, dass es nichts gibt, was nicht aus atomaren Basisereignissen aufgebaut ist. Berühmt geworden ist der Satz, die europäische philosophische Tradition sei eine Reihe von Fußnoten zu Platon – keine Abwertung, sondern die Feststellung, dass niemand ohne die Auseinandersetzung mit ihm auskomme.

Inhalt

Whitehead schreibt gegen die Subjektphilosophie seit Descartes, gegen Newtons Materie in leerem Raum und gegen das, was er den Trugschluss der unzutreffenden Konkretheit nennt: Abstrakta für die Dinge selbst zu halten. Sprache, namentlich die Subjekt-Prädikat-Form, verführt dazu, eine individuelle Substanz mit Qualitäten für den elementaren Typ von Wirklichkeit zu nehmen. Spekulative Philosophie soll ein zusammenhängendes, logisches System allgemeiner Ideen entwerfen, auf dessen Grundlage jedes Element der Erfahrung interpretierbar ist – Wissenschaft, Religion, Kunst, Alltag. Die Methode gleicht einer Flugbahn: Sie hebt von einzelnen Beobachtungen ab, schwebt durch Verallgemeinerungen und senkt sich in neue Beobachtungen. Das System bleibt offen; dogmatische Sicherheit über Endgültigkeit ist ein Zeichen von Torheit.

Grundbaustein sind wirkliche Einzelwesen oder wirkliche Ereignisse, die letzten realen Dinge, hinter die man nicht zurückgehen kann. Sie verändern sich nicht, sie werden und vergehen; Dauer ist Wiederholung ähnlicher Pulse. Jedes Ereignis hat einen physischen und einen geistigen Pol, erfasst andere Ereignisse und zielt auf Erfüllung, ein subjektives Ziel. Gruppierungen solcher Ereignisse heißen Nexus; der größte Nexus ist die Welt selbst. Zeitlose Gegenstände – Farben, Formen, Potenziale – sind unveränderliche Möglichkeiten, die sich in Ereignissen konkretisieren, ähnlich Platonischen Ideen, aber relational, nicht abgetrennt. Die oberste Kategorie ist das Elementare: Kreativität als Universalie aller Universalien, Zusammenspiel von Einheit und Vielheit. Gott ist bei Whitehead nicht Schöpfer aus dem Nichts, sondern der Urgrund der Möglichkeiten und der subjektiven Ziele, selbst ein wirkliches Einzelwesen, ohne Vergangenheit im gewöhnlichen Sinn, ohne Transzendenz aus der Welt hinaus.

Der Aufbau ist nicht linear. Derselbe Gedanke wird aus mehreren Perspektiven durchlaufen: Kategorienschema, Auseinandersetzung mit Locke, Hume, Kant, Newton, Theorie des Erfassens, Theorie der Ausdehnung, abschließende Interpretation Gottes. Die Natur ist ein Organismus, kein Uhrwerk; komplexe Gebilde sind mehr als die Summe ihrer Teile. Whitehead wird unsicher, wo die neugebildeten Begriffe das Erfassen, das Zusammenwachsen und das Ereignis als Resultat die Erfahrung erhellen oder verdunkeln, und wo Gott die Lücke schließt, die das ontologische Prinzip nicht schließen darf. Die Sprache ist mathematisch geschult, oft neugebildet, und verlangt, dass man die Fußnoten zu Platon als Einladung liest, nicht als Schuldspruch über die Nachfolger.

Einordnung

Lange stand das Buch im Schatten der analytischen Philosophie, die Whitehead mit Bertrand Russell in den Principia Mathematica selbst mitbegründet hatte und die sich von der Metaphysik abwandte. Zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts gewann die Prozessphilosophie an Boden, weil sie sich an Quantenphysik, Systemtheorie, Biologie und Ökologie anschließen ließ, und an eine Theologie, die Gott nicht als unbewegten Beweger braucht. Neben Martin Heideggers Sein und Zeit, das denselben Jahren entstammt und das Sein vom Dasein her neu stellt, steht Whiteheads Kosmologie als der andere Versuch, Substanz durch Geschehen zu ersetzen: dort Existenz, hier Ereignis. Die Fußnote zu Platon ist dabei Einladung, nicht Schuldspruch.

Wer das Werk als Naturwissenschaft liest, verfehlt die spekulative Absicht. Wer es als Fußnote zu Platon abtut, verfehlt den Atomismus der Ereignisse und die Absage an die Gabelung von Geist und Materie. Die Schwierigkeit der Sprache hat die Wirkung begrenzt und die Anhängerschaft intensiviert. Geblieben ist die Zumutung, dass Wirklichkeit Puls ist, nicht Ding – und dass eine Metaphysik, die das behauptet, sich dem Fortschritt des Wissens offenhalten muss, ohne die Erfahrung auf das Messbare zu kürzen.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler sind willkommen.

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