Tempus

Harald Weinrich · 1964 · Sachbuch, Sprachwissenschaft


Das Werk
Deutscher Titel: Tempus
Autor(en): Harald Weinrich


Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 1964
Schlagwörter: Zeit, Erzählung, Tempus, Text
Sachgebiete: Sachbuch, Sprachwissenschaft
Greifbare Ausgabe
Verlag: C.H. Beck


Umfang dieser Ausgabe: 338 Seiten
ISBN: 9783406478765
Verweise


Tempus. Besprochene und erzählte Welt ist die 1964 erschienene Untersuchung von Harald Weinrich. Weinrich löst die Zeitform von der Uhr und bindet sie an die Rede: Manches Tempus bespricht, manches erzählt, und der Unterschied ist eine Haltung zum Gesagten, nicht zuerst eine Stelle auf dem Zeitstrahl.

Inhalt

Weinrich unterscheidet zwei Haltungen zum Gesagten, die die Formen auf Textsorten verteilen, statt die Welt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu zerschneiden. Die besprochene Welt steht unter dem Anspruch der Stellungnahme: Präsens, Perfekt und Futur als Tempora, mit denen man erörtert, urteilt, verspricht, bestreitet und den Hörer in die Lage zieht, in der es um etwas geht. Die erzählte Welt rückt ab: Präteritum und die Verwandten, in denen berichtet wird, ohne dass der Sprecher in jedem Satz eingreifen muss, als stünde er noch in der Verantwortung des Behauptens. Das ist keine Metaphysik der Zeit. Es ist eine Verteilung der Formen auf Haltungen, und die Haltungen erzeugen Texte. Ein Geschichtsbuch, eine Novelle, ein Kommentar, ein Gespräch über das, was zu tun ist: Sie wählen nicht dieselbe Nähe zum Gesagten. Die Schulregel, Tempus spiegele objektive Zeitstufen, verfehlt, dass man Vergangenes besprechen und Gegenwärtiges erzählen kann, je nachdem, ob man Stellung nimmt oder Abstand hält.

Das Buch bleibt romanistisch und germanistisch zugleich, nah an Beispielen aus Dichtung und Alltag, aus dem Französischen so gut wie aus dem Deutschen. Weinrich liest das passé simple und das imparfait, das Präteritum und das Perfekt nicht als feinere Uhren, sondern als Mittel, Vordergrund und Hintergrund, Eingriff und Gelassenheit zu setzen. Übergang und Mischung sind der Normalfall, nicht die Ausnahme: Der Erzähler kommentiert, der Besprechende erzählt einen Fall, und die Form wechselt mit der Haltung. Genau diese Mischung erklärt, warum die Schulgrammatik an lebendigen Texten scheitert und trotzdem nicht aufgibt, Zeitstufen zu pauken. Weinrich widerspricht nicht, dass Tempora etwas mit Zeit zu tun haben. Er widerspricht, dass dieser Bezug der erste und der einzige sei. Wer erzählt, wählt Abstand. Wer bespricht, wählt Nähe. Die Formen folgen der Wahl.

Der Ton ist klar, philologisch, ohne den Apparat der generativen Schule, die zur selben Zeit die Syntax umstellte. Weinrich schreibt eine Linguistik des Textes, bevor das Wort Textlinguistik Alltag war, und nimmt den Roman und die Zeitung ernst als Gegenstände der Grammatik, nicht nur als Steinbruch für Beispielsätze. Die Germanistik hat das Raster in die Interpretation übernommen, weil es erlaubt, eine Zeitform zu lesen, ohne sofort nach dem Kalender zu fragen. Die Grenze der Zweiteilung ist offensichtlich und von der Kritik genannt worden: Zu glatt, zu sicher, zu sehr auf zwei Welten gestellt, wo Texte mehr Haltungen kennen. Weinrich hält die Zweiteilung, weil sie den Schulunterricht und die Theorie zugleich trifft. Neben der Linguistik der Lüge zeigt das Buch sein Verfahren: große Fragen an kleinen Formen, ohne die Form zur Formel zu machen.

Einordnung

1964 ist eines der wenigen deutschen Bücher, das die internationale Linguistik der Zeitformen mitbestimmt hat, nicht nur die romanistische Schultradition. Es hat der Germanistik ein Vokabular gegeben, mit dem Erzähltempus und Kommentartempus unterscheidbar wurden, und der Textlinguistik einen Gegenstand, bevor sie sich als Richtung festigte. Die Kritik nannte die Zweiteilung zu glatt und die Bindung an Haltung zu wenig formal für eine Syntax, die Ableitungen verlangte. Émile Benveniste hatte die Personen und die Zeit der Aussage anders geschnitten; Weinrich bleibt bei besprochen und erzählt und hat damit die Literaturwissenschaft weiter erreicht als die formale Semantik. Geblieben ist die Erlaubnis, Tempus als Textstrategie zu lesen, und ein Buch, das diese Erlaubnis so nüchtern vorträgt, dass sie den Unterricht ändern konnte. Die Unterscheidung der zwei Welten bleibt der Bezugspunkt, auch wo spätere Arbeiten eine dritte Haltung einziehen.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler sind willkommen.

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