Traumzeit
| Das Werk | |
|---|---|
| Deutscher Titel: | Traumzeit |
| Autor(en): | Hans Peter Duerr
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| Originalsprache: | deutsch |
| Erstveröffentlichung: | 1978 |
| Schlagwörter: | Wildnis, Zivilisation, Ritual, Grenze |
| Sachgebiete: | Sachbuch, Anthropologie |
| Greifbare Ausgabe | |
| Verlag: | Suhrkamp |
| Serie: | edition suhrkamp |
| Umfang dieser Ausgabe: | 656 Seiten |
| ISBN: | 9783518113455 |
| Verweise | |
Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation ist die 1978 im Syndikat Verlag erschienene Untersuchung von Hans Peter Duerr. Sie bestreitet, dass die sogenannte primitive Gesellschaft die Wildnis nicht kannte und die Moderne sie überwunden habe. Archaische Kulturen, so Duerr, hatten Rituale, um die Grenze zu überschreiten – Rausch, Maske, Hexensabbat, Schamanenflug – und kehrten zurück; die neuzeitliche Zivilisation hat die Grenze zugemauert und die Wildnis ins Innere oder in die Kolonie verbannt. Das Buch wurde ein Kultbuch der westdeutschen Gegenkultur, ein Verkaufserfolg der Völkerkunde mit Hunderttausenden Exemplaren, und ein Ärgernis der Fachethnologie, die Duerr Vermischung, Zitatzauber und romantische Wildnis vorwarf.
Inhalt
Duerr schreibt gegen Norbert Elias' Über den Prozess der Zivilisation. Bei Elias wird der Mensch schrittweise zum höfischen Selbstzwang; Affekt, Körper, Gewalt treten zurück. Duerr kehrt die Richtung um: Nicht die Wilden leben ohne Grenze, sondern die Zivilisierten, die keine Passage mehr kennen und deshalb die Wildnis entweder ausrotten oder als Freizeit konsumieren. Hexen, Werwölfe, indische Asketen, indianische Visionssuchen, der Karneval, der Rausch: Das sind bei ihm Techniken der Grenzüberschreitung, keine Aberglaubenreste. Die Traumzeit der australischen Völker – der Titel borgt den Begriff und verschiebt ihn – steht für eine Lage, in der Traum und Wachen, Mensch und Tier, Innen und Außen durchlässig sind. Wer das nur als Schwärmerei liest, unterschlägt den gelehrten Unterbau. Ein großer Teil des Bandes sind Anmerkungen, ein zweites Buch unter dem ersten, in dem Duerr Quellen türmt, bis die Fußnote selbst zum Argument wird.
Die Belege kommen aus Ethnographie, Kirchengeschichte, Folklore und der eigenen Lektüre der Gegenkultur. Duerr misstraut dem Feldforscher, der die Grenze nur von einer Seite kennt, und dem Theoretiker, der Zivilisation für das Ende der Geschichte hält. V. Gordon Childes Der Mensch schafft sich selbst hatte den Menschen als Wesen bestimmt, das sich durch Werkzeuge neu macht; Duerr fragt nach dem, was dieses Machen ausschließt. Die politischen Systeme, die Meyer Fortes und Edward E. Evans-Pritchard in Politische Systeme Afrikas als Ordnung ohne Staat beschrieben, erscheinen bei ihm als Kulturen, die das Wilde nicht verdrängt, sondern gerahmt haben. Frauen als Hexen, der Sabbat als Umkehrung, der Flug als Bewusstseinswechsel: Duerr nimmt die Quellen ernst, wo die Aufklärung sie als Wahn abtat. Genau das hat ihm den Vorwurf eingetragen, er glaube, was er zitiere. Er glaubt weniger, als er den Zivilisierten die Sicherheit nehmen will, auf der richtigen Seite der Grenze zu stehen.
Der Ton ist gelehrt und kokett, aphoristisch, oft selbstironisch, manchmal arrogant, wie zeitgenössische Rezensenten notierten. 1985 übernahm Suhrkamp den Band in die edition suhrkamp; aus gut vierhundert Seiten Erstausgabe wurden über sechshundert mit Apparat. Reinhold Messner soll das Buch auf den K2 mitgenommen haben, ein Anekdotenzeichen für den Kultstatus. Die Fachkritik blieb hart: Duerr collagiere Epochen und Erdteile, mache aus der Hexe eine Projektionsfläche der siebziger Jahre und schreibe eine Gegen-Elias-Lehre, die den Zivilisationsprozess nicht widerlege, sondern moralisch umkehre. Später hat Duerr in den Bänden zum »Mythos vom Zivilisationsprozess« den Streit mit Elias schulmäßig ausgetragen. Traumzeit bleibt das unruhigere Buch, näher am Rausch als an der Widerlegung. Wer es als Anleitung zum Wildsein liest, hat die Fußnoten nicht gesehen. Wer es nur als Fußnotenwerk liest, hat die Zumutung verfehlt, dass die Moderne eine verarmte Form der Grenze sein könnte.
Einordnung
1978 hat Duerr der westdeutschen Ethnologie und der Gegenkultur dasselbe Buch gegeben, und genau diese Doppeladresse erklärt Ruhm und Ablehnung. Gegen Elias' lange Dauer der Affektkontrolle setzt er die These, Zivilisation sei Verlust der Passage, nicht Gewinn an Menschlichkeit; gegen die koloniale Rede vom Wilden setzt er Wildnis als Wissen, das Europa in sich selbst unterdrückt hat. Lucy und die Paläoanthropologie erzählen Herkunft als Knochenfund; Duerr erzählt sie als Schwelle. Die Nachfolge in Esoterik und Lebensreform hat den Band oft zur Lizenz gemacht, sich archaisch zu fühlen, ohne zu lesen. Die Fachwelt hat die Collage gerügt und die Frage nicht losgeworden, ob der Zivilisationsprozess wirklich nur Zunahme von Zwang sei. Duerr selbst hat den Kultstatus später ungern gehört. Wer nach 1978 über Wildnis und Moderne spricht, ohne diese Grenze, spricht an dem Buch vorbei; wer es für eine Einladung hält, die Aufklärung zu verlassen, hat Duerrs Nüchternheit im Apparat nicht ernst genommen.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.
