Triebstruktur und Gesellschaft

Herbert Marcuse · 1955 · Sachbuch, Soziologie


Das Werk
Deutscher Titel: Triebstruktur und Gesellschaft
Autor(en): Herbert Marcuse
Originaltitel: Eros and Civilization. A Philosophical Inquiry into Freud
Originalsprache: englisch
Erstveröffentlichung: 1955
Schlagwörter: Trieb, Kultur, Unterdrückung, Eros
Sachgebiete: Sachbuch, Soziologie
Greifbare Ausgabe
Verlag: Suhrkamp
Serie: Bibliothek Suhrkamp
Umfang dieser Ausgabe: 272 Seiten
ISBN: 9783518011584
Verweise


Triebstruktur und Gesellschaft ist die 1955 in Boston erschienene philosophische Untersuchung von Herbert Marcuse zu Sigmund Freud; die deutsche Übersetzung von Marianne von Eckardt-Jaffe kam 1957 bei Klett unter dem Titel Eros und Kultur heraus, 1965 bei Suhrkamp unter dem Titel, der sich durchsetzte. Marcuse will zur Philosophie der Psychoanalyse beitragen, nicht zur klinischen Praxis, und Freuds Das Unbehagen in der Kultur historisch wenden. Kultur, so Freud, verlangt Triebverzicht; Marcuse fragt, welcher Verzicht noch der Lebensnot gilt und welcher nur der Herrschaft. Das Buch gehört zu den Grundschriften der Kritischen Theorie und wurde in der Studentenbewegung der sechziger Jahre stark gelesen.

Inhalt

Marcuse schreibt gegen die Auskunft, Unterdrückung der Triebe sei die zeitlose Bedingung jeder Kultur, und gegen eine Neo-Freudsche Anpassung, die das Unbehagen therapeutisch glättet. Das Lustprinzip, gerichtet auf unmittelbare Befriedigung, gerät unter dem Druck von Mangel und Herrschaft unter das Realitätsprinzip; dessen geschichtlich herrschende Form ist das Leistungsprinzip, das den Körper für entfremdete Arbeit freisetzt und Lust auf Freizeit und Genitalität beschränkt. Die Phantasie bleibt dem Realitätsprinzip entzogen. Die Unterdrückung schwächt den Eros zugunsten des Todestriebs und treibt Krieg und Massenmord. Marcuse unterscheidet die für Kultur überhaupt nötige Triebzügelung von der zusätzlichen Unterdrückung, die der Herrschaft des Menschen über den Menschen dient. Diese Herrschaft wird revolutionär gestürzt und sogleich wieder aufgerichtet, weil die Subjekte Ordnung mit Herrschaft verwechseln und ein doppeltes Schuldgefühl – Verrat an der Autorität, Verrat an der eigenen Freiheit – sie bindet.

Die Steigerung der Produktivität schafft jedoch die Bedingung, das Leistungsprinzip abzuschaffen. Je vollständiger die Entfremdung, desto größer das Potential der Freiheit: Automation könnte notwendige Arbeit auf ein Mindestmaß begrenzen, der Eros von destruktiven Beschränkungen befreit werden. Ein befreiter Eros, so Marcuse gegen Freud, zerstöre die Kultur nicht, sondern stifte dauerhafte Werkbeziehungen; Sexualität sublimiere sich selbst zu kultivierter Bindung. Arbeit könne den Charakter des Spiels annehmen. Die Kunst antizipiert das: Sie entspringt der Phantasie, gewährt libidinöse Befriedigung ohne Zerstörung und dient als Modell einer Welterfahrung ohne repressive Strukturen. In einer befreiten Gesellschaft würde das Lustprinzip als Realitätsprinzip eingesetzt. Vorbedingung wäre der Verzicht auf den erreichten Lebensstandard der westlichen Welt.

Unsicher wird die Konstruktion, wo die zusätzliche Unterdrückung von der notwendigen nicht scharf zu trennen ist und wo der befreite Eros ohne klinische Befunde behauptet wird. Erich Fromm hat aus dem Nachlass Marcuses Verzicht auf die Klinik, sein Missverständnis der Perversionen und eine Fehldeutung des Ödipuskomplexes kritisiert. Die Schrift verkündet keine heitere Lösung; Bernard Görlich hat betont, dass Marcuse die Bilder der Befreiung suchte, um zu verstehen, wo und warum sie begraben wurden. Der Ton ist dialektisch, oft hymnisch, wo die Kunst das Versprechen hält. Eine Lesart, die nur die sexuelle Befreiung der sechziger Jahre darin sieht, verfehlt die Arbeit und die zusätzliche Unterdrückung; eine, die nur die Theorie sieht, verfehlt den Entwurf eines Lebens, in dem Vernunft und Eros nicht Feinde sind.

Einordnung

Neben Der eindimensionale Mensch und der Abhandlung Repressive Toleranz steht das Buch als der Freud-Band der Kritischen Theorie: Trieb und Herrschaft, nicht nur Ware und Bewusstsein. Nachbarschaft hat es zu Freuds Unbehagen und zu Jenseits des Lustprinzips, deren Dualismus Marcuse historisiert statt leugnet. Die deutsche Studentenbewegung las es als Erlaubnis, Lust gegen Leistung zu setzen; Michael Werz hat es in den Zusammenhang beginnender Befreiungs- und Entkolonialisierungsbewegungen gestellt. Die Wirkung lag in der politischen Psychologie, die Görlich zufolge ihren Gegenstand im Freudschen Erkenntniszentrum selbst aufsucht, nicht in der therapeutischen Schule.

Das Missverständnis liegt darin, Marcuse zum Propheten einer triebhaften Anarchie zu machen oder die zusätzliche Unterdrückung für entbehrlichen Schmuck an Freuds Lehre zu halten. Er hat den Konflikt von Eros und Kultur nicht geleugnet, sondern datiert: Das Leistungsprinzip war nötig und ist es tendenziell nicht mehr. Geblieben ist die Unterscheidung zweier Unterdrückungen – und die Zumutung, dass Freiheit ohne neuen Eros eine neue Verwaltung bliebe.

Ideen

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Essays

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Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.

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