Unzeitgemäße Betrachtungen

Friedrich Nietzsche · 1873 · Sachbuch, Philosophie


Das Werk
Deutscher Titel: Unzeitgemäße Betrachtungen
Autor(en): Friedrich Nietzsche


Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 1873
Schlagwörter: Historie, Bildung, Schopenhauer, Wagner
Sachgebiete: Sachbuch, Philosophie
Greifbare Ausgabe
Verlag: Insel


Umfang dieser Ausgabe: 384 Seiten
ISBN: 9783458322092
Verweise


Die Unzeitgemäßen Betrachtungen sind vier Abhandlungen von Friedrich Nietzsche, erschienen zwischen 1873 und 1876. Unzeitgemäß heißen sie, weil sie gegen die Bildung und Geschichtsseligkeit des neuen Reichs schreiben, nicht mit ihr. Geplant waren bis zu dreizehn Stücke über Staat, Religion, Naturwissenschaft, Arbeit und Eigentum; ausgeführt wurden vier. Das zweite Stück über Nutzen und Nachteil der Historie hat weit über die Philosophie hinaus gewirkt. Das Buch zählt als früher Nietzsche vor dem Also sprach Zarathustra: Kulturkritik, Selbsterziehung und der Streit um Größe, noch in der Form der Abhandlung.

Inhalt

Nietzsche schreibt gegen den Bildungsphilister, gegen die Überfülle historischer Bildung und gegen eine Zeit, die Größe nur noch als Erinnerung kennt. Das erste Stück, David Strauss, der Bekenner und der Schriftsteller (1873), ist eine Polemik gegen David Friedrich Strauß, dessen säkularisierte Frömmigkeit sich gegen Arthur Schopenhauer wendet und von den Klassikern zehrt, ohne sie zu erreichen. Der Kampfbegriff Bildungsphilister wurde zum Skandal; die derbe Sprachkritik im Stile Schopenhauers ebenso. Strauß hatte mit dem Leben Jesu selbst einen Skandal ausgelöst und galt inzwischen als respektabler Vertreter einer materialistisch gefärbten Bildung. Nietzsche verhöhnt den Stil und die saturierte Weltanschauung, nicht nur die Theologie.

Das zweite Stück, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (1874), ist die wirkmächtigste der vier Schriften. Historie kann dem Leben dienen – als monumentalisches Vorbild, als antiquarische Pietät, als kritische Abrechnung. Zur Krankheit wird sie, wo das historische Bewusstsein alles lähmt und der moderne Mensch vor lauter Wissen nicht mehr handelt. Nietzsche ist kein Feind der Geschichte; er ist Feind ihrer Übermacht. Das dritte Stück, Schopenhauer als Erzieher (1874), sucht im Lehrer nicht das System, sondern den großen Menschen, der von Äußerlichkeiten befreit: Wahrhaftigkeit, auch im Leiden, Liebe zur Wahrheit. Das vierte Stück, Richard Wagner in Bayreuth (1876), entstand in der Nähe eines möglichen Scheiterns der Festspiele und wurde nach deren Ansetzung zur Würdigung umgeschrieben. Dennoch bleibt der Text zwiespältig: Dilettantismus, schauspielerisches Unvermögen, ein Geflecht aus Wagnerzitaten, die den alten Revolutionär beschwören. Die späteren Wagner-Schriften haben diese Ambivalenz in offene Feindschaft gewendet.

Unsicher ist schon die Form der Reihe. Nietzsche wollte den dreißiger Jahren seines Lebens Unzeitgemäßes widmen – Staat, Religion, Naturwissenschaft, Arbeit und Eigentum, „Wir Philologen“. Die vier Stücke sind Gelegenheitswerke und Programmschriften zugleich. Wer nur die Historie-Abhandlung liest, hat das Stärkste und nicht das Ganze; wer nur die Wagner-Huldigung liest, hat den Bruch noch vor sich. Der Ton wechselt von der Schmähung zur Hymne, von der Kulturkritik zur Selbsterziehung. Unzeitgemäß heißt hier: gegen die Zeitung, nicht außerhalb der Zeit.

Einordnung

Kindlers Literaturlexikon führt die Betrachtungen als frühen Nietzsche vor dem Also sprach Zarathustra. Die Historie-Schrift hat Philosophen, Historiker und Kulturwissenschaftler beschäftigt, weit über die Philosophie hinaus; der Kommentar von Barbara Neymeyr hat den zeitgeschichtlichen Boden nachgetragen. Arthur Schopenhauer ist der Erzieher, Richard Wagner der Künstler, beide werden später abgestoßen, ohne dass die Frage nach Größe und Bildung verschwände. Gegen Hegel und den Historismus des 19. Jahrhunderts steht die Forderung, Geschichte am Leben zu messen, nicht das Leben an der Geschichte.

Das Missverständnis, Nietzsche predige Vergessen und Barbarei, verfehlt die drei möglichen Dienste der Historie. Geblieben ist die Diagnose der Bildung, die viel weiß und nichts vermag. Wer nach dem Nutzen der Geschichte fragt, fragt hinter diesem zweiten Stück; wer Nietzsches Bruch mit Bayreuth verstehen will, kommt am vierten nicht vorbei. Die Insel-Ausgabe versammelt die vier Betrachtungen in der Form, in der sie als Buch gelesen werden, nicht als Vorstufe, als eigenes Werk der Basler Jahre.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.

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