Was wir sehen, blickt uns an

Georges Didi-Huberman · 1992 · Sachbuch, Kunstgeschichte


Das Werk
Deutscher Titel: Was wir sehen, blickt uns an
Autor(en): Georges Didi-Huberman
Originaltitel: Ce que nous voyons, ce qui nous regarde
Originalsprache: französisch
Erstveröffentlichung: 1992
Schlagwörter: Sehen, Symptom, Blick, Ikonologie
Sachgebiete: Sachbuch, Kunstgeschichte
Greifbare Ausgabe
Verlag: Wilhelm Fink


Umfang dieser Ausgabe: 252 Seiten
ISBN: 9783770532728
Verweise


Was wir sehen, blickt uns an (französisch Ce que nous voyons, ce qui nous regarde) ist die 1992 erschienene Untersuchung von Georges Didi-Huberman. Sie widerspricht der Ikonologie, die zu schnell weiß, was dargestellt ist. Sehen ist hier nicht souverän: Das Bild zeigt, und es blickt zurück.

Inhalt

Didi-Huberman setzt gegen das Entziffern das Symptom. Das Bild zeigt, was es nicht meint; es lässt einen Rest, der nicht in der Legende und nicht in der Ikonographie aufgeht. Wer nur Stoffe liest – Heilige, Attribute, versteckte Sinnbilder –, verfehlt, was die Fläche tut, wenn sie Farbe, Leere, Volumen und Zeit ausstellt. Aby Warburg gegen Erwin Panofsky: Pathos statt Klarheit, Nachleben statt abgeschlossener Bedeutung, die Sorge um das, was im Bild unruhig bleibt. Panofskys Stufen der Interpretation versprechen, man könne vom Motiv zur Weltanschauung aufsteigen und am Ende wissen. Didi-Huberman hält dagegen, dass Wissen hier oft eine Abwehr ist: Man benennt, um nicht angeblickt zu werden. Das Buch ist philosophisch, nah an der knappen, volumenhaften Kunst der sechziger Jahre und an der Frage, was ein Würfel, eine Platte, ein leerer Raum mit uns tun. Sehen wird angeblickt; es bleibt nicht die Tat eines Subjekts, das Gegenstände ordnet.

Die Psychoanalyse liefert das Vokabular des Symptoms, ohne das Bild zur Fallgeschichte eines Künstlers zu machen. Didi-Huberman fragt nach dem, was erscheint und sich entzieht, nicht nach der Biographie hinter der Fläche. Der Ton ist dicht, literarisch, gegen die Schulikonologie und gegen die Vorstellung, Methode sei die Kunst, Unsicherheit zu beenden. Die deutschsprachige Kunstgeschichte hat das spät, dann heftig aufgenommen, weil sie Panofsky lange als Maß der Seriosität genommen hatte. Eine Methode im engen Sinn liefert der Band nicht; er liefert eine Ethik des Nichtwissens, die das genaue Sehen nicht aufgibt, sondern vor dem vorschnellen Namen schützt. Beispiele tragen die These, ohne Katalog zu werden: das Minimalobjekt, das Grab, die Schwelle, an der Sichtbares uns betrifft. Die Begriffe, die das Seminar übernehmen kann, verdünnen sich leicht; an den Werken bleibt die Zumutung, dass Klarheit nicht die höchste Tugend des Blicks ist.

Gegen die ältere Deutung, Bedeutung sitze im dargestellten Stoff und der Rest sei Form, hält Didi-Huberman den Blickwechsel fest. Das Bild ist nicht nur Objekt; es ist Instanz, die uns ansieht, verstört, festhält. Kritik hat das als Dunkelmännerei gelesen: zu viel Pathos, zu wenig nachprüfbare Ikonographie, eine Lizenz, Ungefähres für Tiefe auszugeben. Das Buch nimmt den Vorwurf in Kauf, weil die Alternative – das fertig gelesene Bild – ihm als die größere Gewalt erscheint. Die späteren Arbeiten über die Bilder trotz allem haben denselben Blick auf die Shoah gelegt: Was zu sehen ist, darf nicht in der Legende aufgehen, und es darf nicht als unsichtbar erklärt werden. 1992 steht diese Ethik noch an der Schwelle von Skulptur und Theorie. Sie hat gleichwohl die französische Gegengründung zur lesbaren Ikonologie formuliert, an der sich eine Generation abgearbeitet hat.

Einordnung

1992 ist der Band die französische Gegengründung zur lesbaren Ikonologie geworden, weil er Warburgs Unruhe gegen Panofskys Klarheit setzte und das Sehen als Blickwechsel beschrieb. Die späteren Bücher über die Bilder trotz allem haben denselben Einspruch auf die Shoah gelegt und damit sichtbar gemacht, dass Nichtwissen hier keine Beliebigkeit ist, sondern eine Pflicht gegenüber dem, was erscheint. Gottfried Boehm hat die Eigenlogik des Bildes als ikonische Differenz gefasst; Didi-Huberman fasst sie als Symptom und Anblickung, näher an der Psychoanalyse als an der Phänomenologie. Die Kritik am dunklen Ton hat das Buch in Deutschland verzögert, dann umso schärfer in die Seminare geholt. Es bleibt anschlussfähig an die Bildwissenschaft nach Belting und Mitchell, ohne deren Systematik zu suchen. Die Nachwirkung liegt in der Erlaubnis, vor einem Bild nicht sofort zu wissen, und in der Pflicht, trotzdem hinzusehen.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.

Kunstgeschichte entdecken