Eine neue Version ist verfügbar - Update. Wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Eine neue Version ist verfügbar - Update. Wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert
Autor(en): Dirk von Gehlen
Herausgeber:
Erscheinungsort: Berlin
Verlag: Metrolit Verlag
Serie:
Erscheinungsjahr: 2013
Seitenanzahl: 143 Seiten
Originaltitel: -
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 384930325X
ISBN-13/

EAN-Code:

978-3849303259
Schlagwörter: Internet, Internetkultur, digitaler Wandel, Zukunft
Sachgebiete: Informationswissenschaft
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Der Journalist Dirk von Gehlen vertritt in seinem Buch Eine neue Version ist verfügbar - Update. Wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert die These, dass wir Text bzw. Kultur an sich fortan als Software denken sollten, also vor allem als einen Prozess, in dem Version um Version zusammen mit den Lesern entsteht, und eben nicht als Produkt für reine Konsumenten. Auf diese Art und Weise entstehe so etwas wie eine "Liquid" Culture (27). Da Gehlen diese These zudem gleich am eigenen Text ausprobieren wollte, finanzierte Gehlen den Text nicht nur über eine Crowdfundingplatform, sondern beteiligte die Finanziers auch gleich an der Entstehung des Textes, in dem er den Lesern einzelne Kapitel vorab zur Verfügung stellte und diese um Kommentare und Anregungen bat.

Dabei zieht Gehlen zu allererst das Beispiel der Wikipedia heran, deren größten Vorteil Gehlen in Anlehnung an David Weinberger darin sieht, dass die Wikipedia eine Versionsgeschichte mit Zusatzinformationen und Diskussionen bietet, so dass sich der Text der Wikipedia eben von einem reinem Enzyklopädieprodukt zu einem Informationsprozess gewandelt habe, der die Nutzer zudem aktiv einbinde.

Die These von einer Liquid Culture in Anlehnung an die "Declaration of Liquid Culture" versucht Gehlen sodann mit dem Soziologen Zygmut Baumann und Manuel Castells zu bekräftigen, die in den modernen gesellschaftlichen Entwicklungen an sich ebenfalls gerne auf die These der Verflüssigung rekurrieren. Die Verflüssigung unserer Gesellschaft in Form von z.B. immer größerer Ortsungebundenheit sieht Gehlen vor allem durch die Digitalisierung verstärkt wirken und glaubt in Maßnahmen wie "Kopierschutz" nur hilflose Mechanismen zur künstlichen Vereisung und zum Aufhalten einer an sich wirkenden, quasi natürwüchsigen Kraft.

Einen Hauptaspekt in der Verflüssigung der Kultur beschreibt Gehlen in dem Wandel des Konsumenten zum aktiven Teilnehmer. Er glaubt, dass sich durch die Digitalisierung "die Kräfteverhältnisse zwischen Autor und Publikum" verschieben und klassische Autoritäten so ein Begründungsproblem bekommen würden. (69) Auch hier zieht Gehlen die Wikipedia als Beispiel heran und verweist auf David Weinbergers Buch "Das Ende der Schulblade", in dem dieser das Kuriosum beschreibt, dass die Autorität der Wikipedia gerade darin besteht, dass die Wikipedia keine Autorität sein wolle und dies an jeder Stelle ("Öffentlichungmachung aller Auseinandersetzungen") deutlich und klar macht. (70)

Die Thesen Gehlens sind kapitelweise mit journalistisch geprägten, zum Teil die Thesen unterstützenden Interviews unterbrochen. So geben Jörg Blumentritt und Benedikt Köhler Antworten zu Ihrer "Declaration of Liquid Culture", Steffen Konrath berichtet über sein Projekt "Liquid Newsroom", Stefan Wehrmeyer antwortet zu seinem Projekt Bundesgit und der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich spricht über den Werkstolz, der sich aus seiner Sicht beginne, in einen Netzwerkstolz zu transferieren.

Bewertung

Die These Gehlens (und seiner Interviewpartner) ist zweifelsohne interessant und bedenkenswert. Das Programm "Word", das oder deren Open-Source-Kopien auf fast allen Computern installiert ist, ist lediglich eine Metapher für die Art und Weise, wie Texte als fertige Texte in Papierform in vergangen Zeiten produziert worden sind. Dieses Verfahren und mit ihnen der Text ändert sich zunehmend. Kaum ein journalistischer Text wird heute noch in Word geschrieben, er entsteht vielmehr als Prozess in einem CMS; das verändert den Text. Auch die Rolle von Netzwerken nimmt stetig stetig zu und verändert damit auch die bisher meist passive Rolle des Konsumenten, weshalb man ihn ja auch zwischenzeitlich bereits Prosument begonnen hat zu nennen. Dies wurde bereits an vielen, auch vordigitalen Beispielen beschrieben, was nicht nur McLuhan zu der Überzeugung brachte, dass das Medium die eigentliche Botschaft sei.

Dennoch müssen wir mit voreiligen Schlüssen vorsichtig sein. Es gibt sicherlich eine Reihe von Textsorten, in denen sich eine gewisse Verflüssigung einstellt oder bereits eingestellt hat, z.B. gerade im journalistischen Bereich. Aber es gibt immer noch eine überwältigende Mehrheit an Textsorten, in der sich diese Verflüssigung noch nicht eingestellt hat und sich vermutlich auch nie einstellen wird. Denn wer will schon einen Roman kaufen, von dem er reine Unterhaltung erwartet, der aber - Entschuldigen Sie bitte - noch nicht ganz fertig geworden ist? Wer möchten seinen Kindern Texte und Bilder zum Lesen oder Betrachten geben, deren Qualität noch nicht ganz ausgereift ist? Und wer würde sich nicht sofort eher für einen gut redigierten und gut lesbaren, in allen Facetten geprüften Fachartikel einer Fachwissenschaftlergemeinschaft und gegen die Wikipedia' entscheiden, wenn er die freie, kostenlose Auswahl hätte?

Ich denke, dass es sich bei der These der Verflüssigung um ein Nischen- und Expertenphänomen handelt; die Mehrzahl der Menschen möchte sich gar nicht einbringen und lieber faul und genüsslich konsumieren, was nur dann zu kritisieren ist, wenn es ausschließlich so passiert. Die Mehrzahl der Menschen möchte sich nicht einbringen bzw. nur zu manchen Fragestellungen und punktuell. Aber selbstverständlich gibt es auch eine kleine Minderheit von Menschen und vielleicht wächst diese auch noch, die sich einbringen möchte und es sich gar nicht mehr anders vorstellen kann, sich nicht in eine Unterhaltung einzubringen oder sich nicht an einer Entwicklung zu beteiligen. Es ist unserer Gesellschaft sogar zu wünschen, dass der Teil der Minderheit weiter wachsen wird, die sich einbringen möchte, aber es scheint mir ebenso wenig verwerflich zu sein, sich nicht in jeden Bereich einbringen zu müssen und alles besser können zu wollen, sondern auf die Arbeit von "Profis" oder "Repräsentanten" zurückzugreifen, manche Fragestellungen mithin zu delegieren. Am Ende muss sich die Theorie der Verflüssigung den Vorwurf gefallen lassen, ein intellektueller Anschlag auf die Vernunft und die Moderne an sich zu sein.

Denis Diderot 18:56, 29. Okt 2014 (CET)

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