Aufschreibesysteme 1800/1900

Friedrich Kittler · 1985 · Sachbuch, Medienwissenschaft


Das Werk
Deutscher Titel: Aufschreibesysteme 1800/1900
Autor(en): Friedrich Kittler


Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 1985
Schlagwörter: Aufschreibesystem, Goethe, Schreibmaschine, Diskurs
Sachgebiete: Sachbuch, Medienwissenschaft
Greifbare Ausgabe
Verlag: Wilhelm Fink


Umfang dieser Ausgabe: 504 Seiten
ISBN: 9783770528813
Verweise


Aufschreibesysteme 1800/1900 ist die 1985 erschienene Habilitation von Friedrich Kittler. Sie bindet Literatur an die Netze aus Techniken, die um 1800 und um 1900 das Schreiben, Speichern und Übertragen umstellen. Sinn erscheint als Effekt dieser Netze, nicht als Ursprung.

Inhalt

Kittler nennt Aufschreibesystem das, was Diskurse überhaupt möglich macht: die Kopplung von Adressen, Speichern und Regeln, nach denen etwas aufgeschrieben, weitergegeben und vergessen wird. Um 1800 gehören dazu die Mutter, die das Kind alphabetisiert, der Beamtenstaat, der Akten führt, und die Dichtung, in der Goethe als Effekt einer neuen Innerlichkeit auftritt, nicht als deren Schöpfer. Die Frau erscheint als Natur und Stimme, der Mann als Schreiber, der diese Stimme in Literatur übersetzt; Hermeneutik entsteht, weil Sinn als das Innere gilt, das aus Buchstaben gehoben werden muss. Um 1900 zerfällt diese Einheit. Grammophon, Film und Schreibmaschine trennen Laut, Blick und Schrift auf eigene Kanäle, das Subjekt wird Datensatz, und die Seele verliert ihr Monopol. Literatur ist nicht Ausdruck eines Inneren. Sie ist das, was das System durchlässt, speichert oder als Rauschen aussortiert.

Das Buch ist philologisch hart, mit Michel Foucault und Claude Shannon, gegen die Hermeneutik geschrieben, die Sinn sucht, wo Schaltungen sind. Kittler liest Nietzsche, die Psychophysik, Akten der Verwaltung und die Dichtung um 1800 als Dokumente derselben technischen Lage, nicht als Illustration einer vorgefassten Theorie. Die Gegenthese der älteren Germanistik, Werke seien Gehalt und Form eines Autors, wird nicht widerlegt, indem man sie auslacht, sondern indem man ihre Bedingungen nennt: Alphabetisierung, Papier, Zensur, das bürgerliche Zimmer. Genaues Lesen und Mediengeschichte fallen zusammen; ohne das eine bleibt das andere Spekulation. Wer Goethe biographisch retten will, stößt auf ein Netz, das den Dichter allererst adressierbar macht. Die Polemik trifft die Schule, weil sie deren Gegenstand nicht streicht, sondern umstellt.

Der Ton ist polemisch, aphoristisch, berlinerisch und gegen die Seele geschrieben. Die Germanistik hat das als Kriegserklärung gelesen; genau das war gemeint, und die Habilitation hat den Streit um das Fach eröffnet, statt ihn zu besänftigen. Ohne dieses Buch gäbe es die deutschsprachige Medienwissenschaft nicht in dieser Schärfe, weil hier zum ersten Mal Literatur als Funktion von Speichern und Übertragungen durchgerechnet wird. Die Kritik nannte den Umgang mit Quellen eigenwillig und den Determinismus zu hart. Beides hat die Wirkung nicht gebrochen. Ein Jahr später hat Grammophon, Film, Typewriter denselben Kern lesbarer ausgebreitet, ohne die Härte der These zu mildern.

Einordnung

1985 gilt als Gründungsjahr der deutschsprachigen Medienwissenschaft in der Schärfe, die seither mit Kittlers Namen verbunden ist. Marshall McLuhan hatte Sinne und Wahrnehmung umgestellt; Kittler ersetzt beides durch Apparat, Adresse und Krieg. Walter J. Ong hatte Mündlichkeit und Schrift als Bewusstseinslagen beschrieben; hier werden sie zu technischen Schwellen, an denen das Subjekt entsteht oder zerfällt. Die Nachbarschaft zu Foucault liegt in der Diskursanalyse, die zu Shannon in der Nachrichtentechnik: Beides wird philologisch ernst genommen, nicht als Ornament. Gegner warfen dem Band vor, Literatur zu entleeren und Macht in Kabeln zu suchen, wo Institutionen und Klassen zählen. Die Wirkung ist trotzdem durchgeschlagen, in der Germanistik widerwillig, in der Medienwissenschaft als Kanon. Das Buch hat eine Generation gelehrt, Texte auf ihre Speicher zu befragen, und es bleibt der Ort, an dem die Hermeneutik ihre Unschuld verloren hat.

Ideen

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Essays

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Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.

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