Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter

Mike Davis · 2001 · Sachbuch, Geschichte


Das Werk
Deutscher Titel: Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter
Autor(en): Mike Davis
Originaltitel: Late Victorian Holocausts. El Niño Famines and the Making of the Third World
Originalsprache: englisch
Erstveröffentlichung: 2001
Schlagwörter: Hunger, Imperialismus, Klima, El Niño
Sachgebiete: Sachbuch, Geschichte
Greifbare Ausgabe
Verlag: Assoziation A


Umfang dieser Ausgabe: 460 Seiten
ISBN: 9783935936439
Verweise


Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter (englisch Late Victorian Holocausts. El Niño Famines and the Making of the Third World) ist die 2001 bei Verso erschienene Untersuchung von Mike Davis. Zwischen 1876 und 1879 sowie 1896 und 1902 starben in Indien, China, Brasilien und Äthiopien nach Dürren, die man auf das Wetterphänomen El Niño zurückführte, dreißig bis sechzig Millionen Menschen. Davis bestreitet den Klimareiz nicht; er bestreitet, dass die Natur allein so tödlich sei. Getreide fuhr aus hungernden Provinzen auf den Weltmarkt, während die Verwaltung auf den Preis und die Lehre vom freien Handel verwies. Die deutsche Übersetzung von Ingrid Scherf, Britta Grell und Jürgen Pelzer kam 2004 bei Assoziation A heraus, dem Verlag, der auch City of Quartz hält. Der Band ist politische Ökologie des Hungers, nicht Naturgeschichte der Dürre.

Inhalt

Davis schreibt gegen die klimatologische Entschuldigung, die Massensterben zu Wetterereignissen macht, und gegen eine Imperialismusgeschichte, die den Hunger nur als Kollateralschaden führt. El Niño verschiebt Regen; wer dann exportiert, Steuern eintreibt und Hilfen an die Arbeitsbereitschaft bindet, macht aus der Dürre eine Hungersnot. In Britisch-Indien fahren Züge das Getreide an die Küste, während das Hinterland verhungert; die Lehre, der Markt werde den Mangel ausgleichen, erweist sich als Waffe. China und Brasilien liefern Vergleichsfälle, keine Wiederholungen. Davis gräbt in Berichten von Beamten, Missionaren, Zeitungen und in der späteren Klimaforschung. Die Zahl der Toten bleibt eine Spanne, weil niemand sie genau wollte; die Spanne reicht, um von Massenvernichtung zu sprechen, ohne den späteren Sinn des Wortes Holocausts leichtfertig zu verbrauchen. Der englische Titel riskiert genau das und zwingt zur Prüfung.

Der Untertitel der deutschen Ausgabe nennt die Geburt der Dritten Welt. Davis meint das wörtlich: die Kluft zwischen einem industrialisierten Westen und einem Rest, der als tropisch, rückständig, hilfsbedürftig erscheint, entsteht in diesen Jahrzehnten nicht aus uralter Armut, sondern aus der Verbindung von Weltklima und Weltmarkt unter imperialer Verwaltung. Gegenposition ist jede Klimageschichte, die El Niño zur Hauptursache macht, und jede Fortschrittserzählung, die die spätviktorianische Globalisierung als Segen der Integration schreibt. Paul Bairoch hatte den Kolonialgewinn der Metropolen kleiner gerechnet; Davis fragt nach den Toten in der Peripherie, nicht nach dem Gewinn in London. Die Stärke liegt in der Verknüpfung von Meteorologie und politischer Ökonomie, die keine der beiden Seiten zur Metapher der anderen macht.

Unsicher wird das Buch, wo die Anklage die regionale Vielfalt einebnet und wo »Holocausts« eine Absicht unterstellt, die Davis als Struktur, nicht als Plan beschreibt. Die Kritik hat Übertreibung und die Lust an der Katastrophe genannt, wie schon bei City of Quartz; die Archive tragen die Zahlen trotzdem. Wer nur das Wetter will, hat die Züge nicht gesehen. Wer nur den Imperialismus will, unterschlägt, dass ohne El Niño dieselben Verwaltungen nicht dieselben Toten erzeugt hätten. Assoziation A hat den Band in der deutschen Linken festgesetzt; die Klimadebatte der späteren Jahre hat ihn als Vorläufer einer politischen Ökologie wiedergefunden, oft ohne den Marxismus, der Davis die Klasse im Getreidepreis sehen ließ.

Einordnung

2001 hat Davis die Rede von der Dritten Welt aus der Entwicklungshilfe in die Entstehungsgeschichte des Hungers unter dem Imperium zurückgeholt. Das Buch steht neben City of Quartz als zweite Grabung: dort die Stadt als Festung, hier der Weltmarkt als Hungermaschine. Nachbarschaft hat der Text zur Imperialismusforschung, zur Klimageschichte und zu einer Linken, die Natur nicht mehr als Kulisse behandelt. Wer nach Davis über Hungersnöte spricht, als wären sie Natur, hat die Verwaltung nicht gesehen; wer nur die Anklage will, unterschlägt die Wetterkarten. Die Geburt der Dritten Welt ist kein Datum, sondern ein Vorgang aus Dürre, Zoll, Schiene und Lehre. Daran kommt die spätere Globalisierungsdebatte nicht vorbei, auch wo sie Davis für zu schwarz hält.

Ideen

Dieses Buch hängt an diesen Zetteln.

Hunger (wichtig) · Imperialismus (wichtig)

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.

Geschichte entdecken