In Zeiten des abnehmenden Lichts

Eugen Ruge · 2011 · Roman


Das Werk
Deutscher Titel: In Zeiten des abnehmenden Lichts
Autor(en): Eugen Ruge
Originaltitel: In Zeiten des abnehmenden Lichts
Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 2011
Schlagwörter: Familie, DDR, Generationen, Utopie
Sachgebiete: Roman
Greifbare Ausgabe
Verlag: Rowohlt


Umfang dieser Ausgabe: 432 Seiten
ISBN: 9783499254123
Verweise


In Zeiten des abnehmenden Lichts ist der 2011 bei Rowohlt erschienene Montageroman von Eugen Ruge, ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis, dem Aspekte-Literaturpreis und zuvor dem Alfred-Döblin-Preis. Vier Generationen einer Familie spiegeln ein Jahrhundert Kommunismus: mexikanisches Exil, Lager, DDR, Flucht, Nachwende. Der Titel meint den Frühherbst der Kartoffelernte im Ural, an den sich die russische Großmutter erinnert, und das Verlöschen der Utopie. Ruge, Sohn eines Historikers und einer Russin, hat Autobiographisches in Stimmen zerlegt, die einander widersprechen. Über eine halbe Million Exemplare, vier Wochen auf dem ersten Platz der Spiegel-Liste: ein Deutschlandroman, der komisch bleibt, wo andere nur Anklage kennen.

Inhalt

Alexander Umnitzer, 2001 an einem Lymphom erkrankt, fährt nach Mexiko, holt vorher dem dementen Vater Geld und Papiere aus dem Tresor und lässt ihn hilflos zurück. Die Reise rahmt den Roman; dazwischen liegt die Familie. 1952 kehren Charlotte und ihr zweiter Mann Wilhelm Powileit aus zwölf Jahren mexikanischem Exil in die DDR zurück, in Führungsstellen an einer Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften. Charlotte fürchtet im Zug, der fördernde Staatssekretär könne als Zionist fallen. Die Söhne Kurt und Werner waren in der Sowjetunion verschollen. Kurt Umnitzer hat nach einem Brief, der den Hitler-Stalin-Pakt anzweifelte, zehn Jahre Lager hinter sich, der Bruder Werner ist dort gestorben; in der Verbannung hinter dem Ural hat Kurt Irina geheiratet. 1956 kommen sie in die DDR. Wilhelm, Altstalinist, stellt die Partei über die „Defätistenfamilie“, verachtet Gorbatschow und Chruschtschow als „Tschow“ und gilt sich als der Beste für die Sache.

Kurt wird führender Historiker und bleibt traumatisiert; ein Parteiverfahren gegen einen Kollegen weckt das Schweinsgesicht des Vernehmers von 1941. Er kritisiert Charlottes zeitungsgemäße Verrisse und fürchtet die Rückkehr des Stalinismus. Alexander, 1954 in Slawa geboren, bricht 1979 Studium und Ehe mit Melitta ab, lässt den Sohn Markus zurück, haust illegal im Prenzlauer Berg, weil er nicht lügen will. Irina organisiert per Tauschhandel die Klostergans, eifersüchtig auf jede Freundin des Sohnes, später alkoholkrank. Der 1. Oktober 1989, Wilhelms neunzigster Geburtstag, sechs Tage vor dem Staatsjubiläum, wird aus sechs Blickwinkeln erzählt: Demenz, Orden, der zusammenbrechende Ausziehtisch, Alexanders Anruf aus Gießen, Irinas Rausch, Charlottes Gift. Sie gibt ihm eine Überdosis ihrer Atemtropfen; niemand erfährt es. Sie selbst landet im Heim.

1991, die Sowjetunion löst sich im Radio auf, endet das Weihnachten mit Irina betrunken neben der Gans; Alexander sagt, das war’s. 1995 erkennt auf Irinas Beerdigung niemand den achtzehnjährigen Markus, der kifft und eine Lehre macht, die keine Übernahme verspricht. 2001 findet Alexander in einer Pazifikpension Ruhe genug, Kurts Papiere zu lesen und Briefe zu schreiben. Die letzten Seiten stehen im Futur: Krankheit, Liebe, Tod, offen. Ruge montiert drei Linien – Familiengchronologie, den Geburtstag als Endspiel, die Mexikoreise als Distanz – in erlebter Rede, oft nah am Bewusstseinsstrom, am stärksten bei Großmutter Nadjeshda Iwanowna, die See, Fernsehen und die zwei Deutschlands nicht auseinanderhalten kann.

Einordnung

Die Buchpreisjury lobte, Ruge bändige fünfzig Jahre in einer raffinierten Komposition und bleibe unterhaltsam. Der Vergleich mit den Buddenbrooks hinkt absichtlich: Hier zerfällt keine intakte Bürgerfamilie, hier hat es nie intakte Strukturen gegeben, von Charlottes Kindheitsschlägen bis zu Alexanders Unfähigkeit, Sohn und Frauen zu halten. Parallel dazu war die DDR von Anfang an vom Ideal entfernt, im Schatten Stalins, mit Denkverboten über die eigene Geschichte. Wilhelm verkörpert die Repression ohne selbst gelitten zu haben; Kurt den beschädigten Glauben an einen demokratischen Sozialismus; Alexander die Jugend, der man die Werte nicht glaubwürdig machen konnte.

Matti Geschonnecks Film von 2017 hat Gesichter gegeben, ohne die Montage des Buches zu ersetzen. Neben Der Turm und Kruso steht Ruges Band als Generationenroman, der Witz nicht scheut: die vier Hauptfeinde des Sozialismus seien Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die Familie löst sich auf, nicht weil sie einst fest war, sondern weil sie es nie gewesen ist. Wer nach 2011 ostdeutsche Familiengeschichte ohne Nostalgie und ohne bloße Abrechnung suchte, fand sie hier, in der abnehmenden Helligkeit einer Idee, die Menschen verbraucht hat.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler sind willkommen.

Roman entdecken