Kassandra
| Das Werk | |
|---|---|
| Deutscher Titel: | Kassandra |
| Autor(en): | Christa Wolf |
| Originaltitel: | Kassandra |
| Originalsprache: | deutsch |
| Erstveröffentlichung: | 1983 |
| Schlagwörter: | Troia, Seherin, Krieg, Mythos |
| Sachgebiete: | Erzählung |
| Greifbare Ausgabe | |
| Verlag: | Suhrkamp
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| Umfang dieser Ausgabe: | 178 Seiten |
| ISBN: | 9783518460528 |
| Verweise | |
Kassandra ist die Erzählung von Christa Wolf, 1983 gleichzeitig im Westen bei Luchterhand und in der DDR bei Aufbau erschienen. Die troianische Königstochter und Seherin spricht aus der Gefangenschaft in Mykene, Stunden vor ihrem Tod, und holt den Trojanischen Krieg aus der Siegerrede. Wolf war über die Orestie des Aischylos an die Figur geraten, nach einer verpassten Reise nach Athen; die Frankfurter Poetikvorlesungen von 1982, im Westen ein eigener Band, im Osten mit Auslassungen dem Text beigegeben, legen offen, dass die mythische Stimme eine gegenwärtige ist: Aufrüstung, Sicherheitsdenken, die Frau, die sieht und der man nicht glaubt.
Inhalt
Kassandra, Tochter des Priamos und der Hekabe, empfängt von Apoll die Sehergabe und den Fluch, dass niemand ihr glaubt, weil sie sich ihm verweigert. Am Hof darf sie bleiben, wenn der Vater mit der Mutter Politik bespricht; Hekabe ist die strengere Macht, bis der Krieg die Frauen aus dem Rat drängt. Aineias begegnet ihr früh, ohne sie zu nehmen; der erste Apollopriester Panthoos weiht und entjungfert sie. Sie liebt Aineias und muss sich, wenn Panthoos kommt, einen anderen vorstellen. Anchises, Aineias’ Vater, erzählt ihr die Geschichte Troias: Schiffe, die Hesione nicht zurückholen, Kalchas, der zu den Griechen überläuft, Paris, den man aussetzen ließ, weil ein Traum die Stadt in Flammen sah.
Paris holt nicht Helena, sondern eine Verschleierte, die man Helena nennt. Kassandra soll schweigen, weil Priamos es befiehlt und sie sich dem Vater noch zugehörig fühlt. Der Krieg beginnt. Achill tötet Troilos ohne Regel; Kassandra nennt ihn fortan das Vieh. Hektor fällt, Penthesilea fällt, der Palast braucht ein Opfer, Polyxena lockt Achill in den Tempel. Wer widerspricht, wird eingesperrt. Zwischen den Kämpfen leben Frauen am Ida, bei Arisbe und Anchises, eine Gegenwelt aus Rede und Arbeit, die den Krieg nicht aufhält. Aineias will Kassandra retten; sie geht nicht mit, weil die Überlebenden neue Herren und neue Helden brauchen werden und sie einen Helden nicht lieben kann. Das Pferd kommt in die Stadt gegen ihre Warnung. Myrine stirbt, Polyxena wird geopfert, Kassandra vergewaltigt und von Agamemnon nach Mykene mitgeführt. Dort wartet Klytaimnestra.
Die Erzählung ist ein Selbstgespräch ohne Kapitelgrenzen, Rückblick aus dem Wissen des Endes. Eumelos, Chef der Palastwache, wächst in dem Maß, in dem Priamos das Königsein betont und die Sicherheit zur Mentalität wird. Hekabe verschwindet aus den Sitzungen. Die Seherin durchschaut nicht nur die Griechen, sondern die eigene Stadt, die den Griechen ähnlicher wird, je länger sie kämpft. Wolf lässt den Mythos stehen und verschiebt die Mitte: nicht der Zorn des Achill, sondern die Frau, die gebunden bleibt an Vater, Stand und Tempel, bis sie sich löst – und die Lösung mit dem Tod bezahlt. Die Stimme ist klar, bitter, ohne Pathos der Prophetin, die man auf der Bühne kennt.
Einordnung
Wolf hat den Mythos umgebaut, damit die eigene Zeit hörbar wird, ohne als These auf dem Tisch zu liegen. Troia in den frühen achtziger Jahren, auf dem Höhepunkt der atomaren Rüstung, liest sich als Staat, der sich militarisiert und die Frauen aus der Entscheidung drängt; Eumelos als Sicherheitsdienst, Priamos als Apparat, das sind Analogien, die der Text trägt und die ihn nicht erschöpfen. Die Erzählung gehört zu den seltenen Selbstanalysen einer Intellektuellen, die sich als machtfern empfindet und entdeckt, wie sehr sie in die Herrschaft verflochten war. Wer nur die Schlüsselgeschichte DDR will, unterschlägt die Arbeit am Grundtext: Kassandra wird nicht zur modernen Frau im Kostüm, sie bleibt Seherin, Tochter, Gefangene.
Nach Kein Ort. Nirgends ist dies die größere mythische Arbeit, vor Medea: Stimmen diejenige, die noch an Troia hängt, nicht an der Stadt, die überlebt, indem sie erzählt. Luchterhand und Aufbau haben 1983 denselben Kern vorgelegt, der Osten ohne die ungekürzten Vorlesungen. Die Suhrkamp-Taschenbuchausgabe hält 178 Seiten Erzählung; wer die Voraussetzungen mitlesen will, braucht den zweiten Band. Die Nachwelt hat Kassandra oft als Frauenbuch kanonisiert und dabei die Härte der Entscheidung unterschätzt: Aineias überlebt, sie nicht, und sie weiß warum. Wer nach diesem Band den Trojanischen Krieg erzählt, ohne die Seherin zu hören, erzählt wieder die Siegerrede.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.
