Kindheitsmuster

Christa Wolf · 1976 · Roman


Das Werk
Deutscher Titel: Kindheitsmuster
Autor(en): Christa Wolf
Originaltitel: Kindheitsmuster
Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 1976
Schlagwörter: Kindheit, Nationalsozialismus, Landsberg, Erinnerung
Sachgebiete: Roman
Greifbare Ausgabe
Verlag: Suhrkamp


Umfang dieser Ausgabe: 637 Seiten
ISBN: 9783518459157
Verweise


Kindheitsmuster ist der Roman von Christa Wolf, 1976 bei Aufbau in der DDR und bei Luchterhand im Westen erschienen. Eine Erzählerin sucht das Muster einer Kindheit unter dem Nationalsozialismus, nicht die Kindheiten im Plural: Wolf hat den französischen Übersetzer darauf hingewiesen, dass der Titel im Singular steht. Schauplatz ist L., später G. – Landsberg an der Warthe, heute Gorzów Wielkopolski, Wolfs Geburtsort. Drei Zeiten greifen ineinander: Nelly Jordans Aufwachsen im Hitlerreich, die Flucht 1945, eine Reise im Sommer 1971 mit Mann, Bruder und Tochter aus Ost-Berlin in die nun polnische Stadt. Erinnert wird nicht der Reihe nach. Die Anrede an ein Du, das die Erzählerin selbst ist, hält die Distanz, ohne die das Nachdenken zur Beschönigung würde.

Inhalt

Nelly Jordan wächst in einer kleinbürgerlichen Familie auf, die mitmacht, ohne Fanatikerin zu sein: Schule, Bund, die Sprache der Zeitung, das Wegsehen, das als Anstand gilt. Der Vater hat ein Geschäft; die Stadt hat Juden, bis sie keine mehr hat; das Kind lernt, welche Sätze man sagt und welche man nicht denkt. Wolf erzählt nicht die große Szene der Bekehrung, sondern das Einsickern: Lieder, Ausflüge, die Lehrerin, der Stolz, dazuzugehören, die Scham, die später kommt und die das Kind noch nicht hat. Nelly ist weder Opfergeschichte noch Täterstück. Sie ist das Muster, nach dem aus einem Mädchen eine Deutsche dieser Jahre wird.

1971 fährt die erwachsene Erzählerin mit der Familie nach G., geht Straßen ab, die andere Namen tragen, sucht das Haus, den Platz, die Sprache einer Stadt, die polnisch geworden ist und deutsch war. Die Tochter fragt; der Bruder erinnert anders; der Mann sieht, was die Erzählerin nicht sehen will. Über dieser Reise liegt die dritte Zeit, das Schreiben selbst: die Schwierigkeit, ich zu sagen, wo das Kind Nelly heißt, und du, wo die Frau von heute sich stellt. Nachrichten der Gegenwart – der Tod Ingeborg Bachmanns, Chile – fallen in die Kapitel und verhindern, dass Erinnerung ein abgeschlossenes Fach wird. Bachmanns Verse stehen als Mut, nicht als Schmuck.

Die Flucht 1945, im Osten lange ein Tabu gegenüber der Sowjetunion und den Bruderstaaten, ist hier weder Anklage noch Heimatlied. Wagen, Treck, der Verlust des Ortes, die Ankunft im anderen Deutschland: Wolf beschreibt, was die DDR-Geschichtsschreibung nicht erforschen durfte, ohne daraus eine westliche Vertriebenenklage zu machen. Das Muster, das der Titel meint, ist Gehorsam und Verdrängung, die Fähigkeit, nicht hinzusehen und später nicht zu wissen, dass man nicht hingesesehen hat. Der Roman ist lang, 637 Seiten in der Taschenbuchausgabe, weil die Erinnerung sich wehrt und weil Wolf die Abwehr miterzählt: Sätze, die abbrechen, Kapitel, die die Zeit wechseln, die Weigerung, eine glatte Beichte zu liefern. Am Ende steht keine Erlösung. Es steht ein Text, der das Kind nicht freispricht und die Erwachsene nicht zur Richterin über sich selbst erhebt, sondern beide in einem Satz hält.

Einordnung

Wolf hat die eigene Herkunft erzählt, ohne Autobiographie im herkömmlichen Sinn zu schreiben: Nelly ist sie und ist es nicht; die Form – Du, sie, die Reise, das Schreiben – ist die moralische Auskunft. In der DDR verletzte der Band ein Schweigegebot über Flucht und Vertreibung; das war, wie später festgehalten wurde, ein Bruch, nicht eine Fußnote. Im Westen las man oft die NS-Kindheit und überging, dass dieselbe Autorin im Sozialismus blieb und das Muster nicht nur hinter der Oder suchte. Kindheitsmuster steht neben den Väterbüchern der siebziger Jahre und neben Wolfs eigenem Nachdenken über Christa T.: Dort eine Freundin, der nachzudenken ist; hier das Kind, dem man nicht davonlaufen kann.

Die Dichte ist die einer Untersuchung, nicht eines Bekenntnisses. Wer nach 1976 über deutsche Kindheit im Nationalsozialismus sprach, hatte dieses Buch im Raum, auch wo er es ablehnte. Aufbau und Luchterhand haben denselben Text in zwei Staaten gesetzt; Suhrkamp hält die durchgesehene Taschenbuchausgabe. Wer Wolf nur als Mythosumbau in Kassandra kennt, findet hier die Voraussetzung: die Arbeit am eigenen Gedächtnis, ohne die das geliehene mythische Ich eine Ausflucht wäre. Die Bank für Nelly in Gorzów ist späteres Gedenken; das Buch braucht sie nicht. Es braucht Leser, die aushalten, dass Erinnern kein Abschluss ist.

Essays

Dieses Buch kommt in diesen Essays vor.

Das kulturelle Gedächtnis in acht Büchern (Lesepfad)

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.

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