Ganz unten

Günter Wallraff · 1985 · Sachbuch, Zeitdiagnose


Das Werk
Deutscher Titel: Ganz unten
Autor(en): Günter Wallraff


Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 1985
Schlagwörter: Leiharbeit, Ausländer, Fabrik, Ausbeutung
Sachgebiete: Sachbuch, Zeitdiagnose
Greifbare Ausgabe
Verlag: Kiepenheuer & Witsch


Umfang dieser Ausgabe: 464 Seiten
ISBN: 9783462017335
Verweise


Ganz unten ist der 1985 bei Kiepenheuer & Witsch erschienene Bericht von Günter Wallraff über zwei Jahre als türkischer Leiharbeiter Ali. Mit dunkler Perücke, Kontaktlinsen und gebrochenem Deutsch nimmt er die gefährlichsten Schichten an, die Deutsche ablehnen, und findet in Stahlwerk, Kanal und Kraftwerk eine Ordnung, in der der Ausländer verbraucht wird. Das Buch verkaufte sich in wenigen Wochen millionenfach, verschob die Rede über Gastarbeiter und Leiharbeit und bleibt das wirkungsmächtigste Stück westdeutscher Reportage – mit einer Methode, die später selbst zum Streitfall wurde.

Inhalt

Wallraff tritt als Ali Levent Sigirlioğlu auf, später Sinirlioğlu in den Ausgaben, und bewirbt sich dort, wo niemand lange fragt: bei Subunternehmern, die Männer an Thyssen in Duisburg, an Baustellen und an Kernkraftwerke weiterreichen. Der Lohn ist gering, die Schichten lang, Schutzkleidung oft den Deutschen vorbehalten. Im Stahlwerk atmet er Staub, den die Vorschriften kennen und die Praxis ignoriert; im Kanal steht er bei Frost ohne die Ausrüstung, die Kollegen tragen; für Arbeiten unter Strahlung sollen Türken beschafft werden, weil sie weniger gelten. Wallraff schreibt das als Erfahrungsbericht, nicht als Statistik: Der Körper merkt zuerst, was das Recht schon verboten hat. Die Demütigung geht über die Fabrik hinaus. Im Stadion, auf der Straße, beim Pfarrer, der die Taufe verweigert, beim Bestatter, dem Ali die eigene Beerdigung wegen einer tödlichen Erkrankung durch mangelnden Schutz abkaufen will, bleibt er der Fremde, dem man »Türken raus« nachruft. Eine Apartheid, so das Vorwort, finde mitten in der Demokratie statt.

Das Buch montiert den Ich-Bericht mit den Lebensläufen anderer Männer, mit Anzeigen, in denen Kräfte ohne Papiere gesucht werden, und mit Sachstücken über Leiharbeit und Unfall. Eine der schärfsten Szenen ist gestellt: Ein von Wallraff beauftragter Schauspieler gibt sich als Vertreter des Kernkraftwerks Würgassen aus und handelt mit Alis Arbeitgeber über eine fiktive Panne, die nur mit hoher Strahlenbelastung der Arbeiter zu beseitigen wäre; der Arbeitgeber sagt zu. Genau diese Stelle hat Bewunderer als Entlarvung und Gegner als Falle gelesen. Wallraff hält dagegen, ohne Verkleidung käme die Wahrheit nicht heraus. Die Gesundheit, die er nach den Monaten noch trägt, die Medikamentenversuche, an denen er gegen Bezahlung teilnimmt, während man ihm die Nebenwirkungen verschweigt: Das alles dient dem Nachweis, dass der Markt den Menschen am Rand als Verbrauchsgut behandelt. Der Titel meint diese Stufe – wo Arbeit tödlich werden kann und der Mitmensch aufhört.

Nach der Veröffentlichung klagte Thyssen, Passagen fielen, spätere Auflagen füllten die Lücken mit Dokumenten der Folgen. In den ersten sechs Wochen gingen 1,6 Millionen Exemplare über den Tisch; die deutsche Gesamtauflage überstieg fünf Millionen, Übersetzungen folgten in mehr als dreißig Sprachen, auch ins Türkische im selben Haus. Ein Film von Jörg Gfrörer montierte heimliche Aufnahmen mit Interviews. Politisch zog das Buch schärfere Regeln für Leiharbeit und Arbeitsschutz nach sich; bei Thyssen wurden Leiharbeiter fester angestellt. Zugleich entstand ein Gegenbild: Die Schriftstellerin Aysel Özakın fragte, ob Wallraff die Betroffenen nur als Unterdrückte und Naive zeichne, und tadelte, er mache aus Türken eine Masse ohne Stimme, um sein Anliegen zu tragen. Uwe Herzog, an der Recherche beteiligt, hat später behauptet, Dutzende Seiten stammten von ihm. Beides gehört zur Wirkungsgeschichte. Das Buch hat Zustände sichtbar gemacht und zugleich ein Opferbild verfestigt, das türkische Intellektuelle nicht wollten.

Einordnung

1985 ist Ganz unten das Buch gewesen, an dem die Bundesrepublik ihren Umgang mit angeworbenen Arbeitern öffentlich beschämt hat, wirksamer als die deutsch-türkische Literatur, die denselben Stoff schon erzählt hatte, ohne die Auflage zu erreichen. Die Methode kommt aus Der Aufmacher: hineingehen, täuschen, protokollieren. Dort war das Ziel eine Zeitung, hier eine Gesellschaft, die den Ausländer braucht und verachtet. Neben den Bottroper Protokollen, die Ruhrarbeiter beim Wort nehmen, und neben Barbara Ehrenreichs späterem Arbeit poor, das den Niedriglohn in den Vereinigten Staaten am eigenen Leib prüft, steht Wallraff als der westdeutsche Fall der verdeckten Schichtarbeit – mit der Besonderheit, dass ein Deutscher den Türken spielt und damit eine Stimme leiht, die andere schon hatten. Die Kritik an Inszenierung, Autorschaft und Vereinnahmung hat das Dokument nicht ungültig gemacht; sie hat gezeigt, wo Reportage in Theater kippt. Gesetze, Einstellungen, der Fonds für ausländische Solidarität, den Wallraff aus Honoraren speiste: Das sind Folgen, die über das Feuilleton hinausreichen. Wer das Buch nur als Skandal der achtziger Jahre ablegt, unterschlägt, dass Leiharbeit und Rassismus ihre Form gewechselt, nicht ihren Kern verloren haben.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler sind willkommen.

Später durchgesehen: Ein zweites KI-Sprachmodell hat den Text geprüft und einzelne Formulierungen berichtigt (Grok 4.6, xAI). Bestand, Auswahl und Ausgabendaten blieben dabei unverändert; welche Sätze geändert wurden, zeigt die Versionsgeschichte.

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